Literatur-Nobelpreis Kein Anspruch auf Auszeichnung von solchem Rang

50 Jahre nach der Entscheidung für Nelly Sachs sind die Unterlagen der Akademie-Entscheidung einsehbar: Warum Paul Celan damals nicht den Literaturnobelpreis erhielt.

Von Thomas Steinfeld

Fünfzig Jahre bleiben die Beratungen der Schwedischen Akademie, die den Nobelpreis für Literatur vergibt, geheim. Dann können sie von Vertretern der Wissenschaft und der Öffentlichkeit eingesehen werden. Zugänglich wurden deshalb in diesen Tagen die Unterlagen des Jahres 1966. Damals erhielt Nelly Sachs den Nobelpreis zugesprochen, aber nicht allein: Sie teilte ihn mit dem hebräischen Schriftsteller Samuel Josef Agnon.

Offenbar wurde nun, dass das Auswahlkomitee den japanischen Schriftsteller Yasunari Kawabata als Preisträger vorgezogen hätte, aber, was sehr selten vorkommt, von der Vollversammlung der Akademie überstimmt wurde. Kawabata erhielt die Auszeichnung zwei Jahre später. Vor allem der Lyriker und Journalist Anders Österling, zu jener Zeit Sprecher der Akademie, zweifelte daran, dass Nelly Sachs' Dichtung, "so menschlich ergreifend sie auch sein mag, für sich einen Nobelpreis rechtfertigen" könne.

Celan blieb dann der Vergabe des Nobelpreises an Nelly Sachs aus "dienstlichen Gründen" fern

Aus den Unterlagen, die nun von Kaj Schueler, einem Literaturkritiker der Tageszeitung Svenska Dagbladet, eingesehen werden konnten, geht ferner hervor, dass Graham Greene und W. H. Auden im Jahr 1966 auf den Plätzen drei und vier der Kandidatenliste standen. Beide sollten die Auszeichnung nie erhalten, hingegen aber Samuel Beckett (1969), der als Fünfter auf der Liste figuriert. Unterstützt wurde Nelly Sachs' Anwartschaft auf den Preis von den Lyrikern und Akademie-Mitgliedern Erik Lindegren und Gunnar Ekelöf, die Gedichte von Nelly Sachs ins Schwedische übersetzt hatten, während diese Werke der beiden ins Deutsche übertragen hatte. Überhaupt hatte Nelly Sachs zuvor starke Unterstützung im schwedischen Literaturbetrieb erhalten. Olof Lagercrantz, der Chefredakteur der Tageszeitung Dagens Nyheter, hatte der Lyrikerin allein im Herbst 1966 fünf lange Artikel gewidmet.

Ein Mitglied der Akademie, der Literarhistoriker Henry Olsson, hatte in den Diskussionen 1966 dafür plädiert, die Auszeichnung zwischen Nelly Sachs und Paul Celan zu teilen. Doch das Komitee urteilte: "Dem Teilungsvorschlag zufolge sollen zwei jeweils für sich bedeutende Werke der deutschen Lyrik ausgezeichnet werden. Im Bezug auf Celan war das Komitee jedoch nicht davon zu überzeugen, dass seine Arbeiten einen solchen Rang verdienen." Zwei Jahre zuvor hatte es im selben Kreis geheißen, Paul Celan könne keinen Anspruch auf eine "hohe internationale Auszeichnung" erheben, ein Urteil, das sich nun und angesichts der Wirkung, die das Werk Paul Celans auf die Lyrik des späten 20. Jahrhunderts ausübte, geradezu grotesk ausnimmt. Paul Celan scheint eine Ungerechtigkeit wahrgenommen zu haben: Von seiner Brieffreundin Nelly Sachs zur Vergabe des Nobelpreises eingeladen, blieb er der Veranstaltung fern, aus "dienstlichen Gründen", wie er mitteilte.

Anders Österling hegte im Übrigen auch große Vorbehalte gegen Samuel Beckett. Dessen "bodenlos nihilistische oder pessimistische Tendenz" widerspreche dem Geist Alfred Nobels, ließ er damals notieren. Als Gegenmittel empfahl er Günter Grass. Dieser aber sollte die Auszeichnung erst dreißig Jahre später erhalten.