Von Ein Kommentar von Andrian Kreye

Bis auf ein paar schwache Bücher ist Doris Lessings Biographie tadellos - hier ist alles politisch korrekt: Der Nobelpreis für Literatur gebärdet sich als der bessere Friedensnobelpreis.

Betrachtet man die Liste der 181 Kandidaten, von denen am Freitag einer Friedensnobelpreisträger wird, dann drängt sich der Schluss auf, dass der Nobelpreis für Literatur der bessere Friedensnobelpreis ist. Denn man kann Doris Lessing vieles vorwerfen, zum Beispiel, dass einige ihrer Bücher literarisch schwächeln. Ihre Biographie dagegen ist tadellos - hier gibt es keinen Ausrutscher, hier ist alles politisch korrekt.

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Am Freitag wird der Name des Friedensnobelpreisträgers bekannt gegeben. Der Nobelpreis für Literatur geht an Doris Lessing. (© Foto: afp)

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Sie war Kommunistin, sah aber Kommunismus lediglich als Instrument für einen postkolonialen Neuanfang in den Ländern der Dritten Welt und verteufelte die Realitäten in den Kolonien nie, was sich angesichts der Zustände in Simbabwe, der damals noch Rhodesien genannten Heimat ihrer Jugend, als geradezu prophetische Weitsicht erwiesen hat.

Und auch wenn sie mit ihrem Roman "Das Goldene Notizbuch" 1962 einen Meilenstein der feministischen Literatur vorlegte, ließ sie sich nicht von einer feministischen Bewegung vereinnahmen, die in den Industrieländern revolutionär, für die Frauen, die in der Dritten Welt lebten, jedoch zu dogmatisch war. So wird politische Korrektheit zur biographischen Stapelware, und das muss es auch sein, was das Nobelpreiskomitee der Schwedischen Akademie meinte, als es verkündete: "Dies ist eine der am besten durchdachten Entscheidungen, die wir jemals getroffen haben." Die Überraschung jedenfalls ist gelungen.

Viele Kandidaten für den Friedensnobelpreis können von solch einer Biographie nur träumen. Sicherlich gab es Lichtgestalten unter den Preisträgern wie den Pionier der Mikrokredite, Muhammad Yunus, oder die Menschenrechtskämpferinnen Shirin Ebadi und Wangari Maathai. Es geht auch nicht um so eindeutig zweifelhafte Preisträger wie Roosevelt, Arafat oder Kissinger.

Doch warum bekam Jimmy Carter den Preis? Es sollte eine Botschaft an George W. Bush im Vorfeld des Irakkrieges sein - doch Bushs Nahostpolitik beruht auf der Carter-Doktrin von 1981. Warum zeichnete man die Vereinten Nationen aus, als die Organisation mehr denn je den Machtspielen der USA ausgeliefert war?

Einer der Favoriten für den diesjährigen Preis ist Al Gore. Der hat viel für den weltweiten Gesinnungswandel zum Thema Erderwärmung getan, stand als US-Vizepräsident aber auch für umstrittene Interventionen im ehemaligen Jugoslawien und in Haiti. Ebenfalls im Rennen: die Rockstars Bono und Bob Geldof. Deren Aktivismus ist vor allem lautstark. Die deutlichste Botschaft an die olympischen Spiele in China wäre sicher ein Preis für die Uigurin Rebiya Kadeer.

Doch wenn der Friedensnobelpreis nur noch Kommentar der Tagespolitik ist, der Preis für Literatur nicht für die literarische Leistung, sondern gegen Mugabe und gegen die Unterdrückung der Frau vergeben wird, dann stehen die beiden Preise bald in gegenseitiger Konkurrenz um das gewagteste Statement und die größte Überraschung. Medienwirksam. Aber nicht gerade würdig.

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(SZ vom 12.10.2007)