Literatur Missverständnisse

Reiner Kunze: Immer wieder ins falsche politische Eck gestellt.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Sonderheft "Europäische Ideen" zu Reiner Kunze

Von Sabine Reithmaier

Reiner Kunze hat Franz Josef Strauß nur dreimal bei offiziellen Anlässen gesehen und nur wenige Worte mit ihm gesprochen. Weitere persönliche Kontakte zwischen dem Schriftsteller und Dichter und dem CSU-Politiker gab es nicht. Trotzdem wurden die Namen der beiden vor allem in den Achtzigerjahren häufig miteinander in Verbindung gebracht. Denn den westdeutschen Linken missfiel es, dass Kunze, 1977 aus der DDR gedrängt, im Westen von seiner Kritik am SED-Regime nicht lassen wollte und schon in seinem ersten Fernsehinterview nach der Ausreise erklärte, von der DDR sei "kein neuer Anfang für die Menschheit" zu erwarten.

Die Reaktionen waren grob. Manche schickten dem Autor der "Wunderbaren Jahre" seine Bücher mit dem Vermerk "Strauß-Intimus" zerrissen zurück. Andere zerstörten mit "Grüßen von Franz Josef Strauß" Bäume, die er in seinem Garten in Erlau bei Passau gepflanzt hatte. Und als Kunze es wagte, einer Einladung der CSU-Landesgruppe in den Bundestag zu folgen und dort vor dem Plenum sprach, erreichten ihn aus der gesamten Bundesrepublik Protestbriefe. Die Stasi wiederum, die Kunze auch im Westen scharf beobachtete, hielt in einer Akte fest, Kunzes Frau Elisabeth, eine Kieferorthopädin, habe vom CSU-Vorsitzenden "ein komplett eingerichtetes Labor mit sechs Angestellten erhalten". Eine glatte Lüge.

All diese Erlebnisse schilderte Kunze in der Dankesrede, die er anlässlich der Verleihung des Franz-Josef-Strauß-Preises im Vorjahr in München hielt, seiner Meinung nach im übrigen der erste wirkliche Anlass, um die Namen Kunze und Strauß in einem Atemzug zu nennen. Der Text ist mit anderen Reden und zehn Gedichten des 82-Jährigen in einem schmalen Sonderheft der Europäischen Ideen veröffentlicht. Die kleine Literaturzeitschrift, die der Germanist Andreas W. Mytze seit 1973 in unregelmäßigen Abständen herausgibt, war lange ein wichtiges Sprachrohr für Regimekritiker aus der DDR. Die Stasi hatte dem damals noch in Greiz lebenden Reiner Kunze sogar dringend empfohlen, sich von der in Westberlin gegründeten Zeitschrift zu distanzieren. Was er natürlich nicht tat. Aber bis heute ist sie ein Organ für Autoren, die sich gegen jede Art von ideologischer Unterdrückung wehren.

Die Preisgelder, egal ob sie vom Strauß- oder Hohenschönhausen-Preis stammen, fließen in die Elisabeth und Reiner-Kunze-Stiftung. Zweck der Stiftung ist es, das Wohnhaus des Paares in der Nähe von Passau einschließlich des großen Archivs nach dessen Tod in eine "Stätte der Zeitzeugenschaft" umzuwandeln und deren Betrieb zu sichern. Kunzes sehen das als ein Angebot für die Nachgeborenen, das ihnen helfen soll, die jüngere Geschichte Deutschlands zu verstehen. Und ihnen verdeutlicht, dass ideologischer Hass "eine der furchtbaren Ausgeburten des Menschenhirns" ist.

Sonderheft "Europäische Ideen": Reiner Kunze. Reden und Gedichte. London, 12 Seiten, 3 Euro. Zu bestellen über: awmytze@hotmail.com