Literatur "Man mag hier nicht lesen, was alles geschah"

Der Schriftstellerin Paula Buber, die immer hinter ihrem Mann Martin zurückstand, ist eine Ausstellung in Augsburg gewidmet

Von Sabine Reithmaier, Augsburg

Paula Buber blickt selbstbewusst in die Kamera. Die Fotos im Kultraum der ehemaligen Synagoge Kriegshaber in Augsburg zeigen eine attraktive Frau, eine "bayerische Artemis", wie ihr Jugendfreund Theodor Lessing fand. Der jüdische Philosoph charakterisierte sie auch als "zäh, genial und unbedenklich", alles Eigenschaften, die sie für ihre erfolgreiche Karriere als Schriftstellerin auch benötigte. Aber während die Werke ihres Mannes, des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber, noch immer gelesen werden, ist Paula Buber völlig vergessen. Eine Ausstellung in der Dependance des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben erinnert jetzt an die einst so erfolgreiche Frau.

Die kleine Schau basiert auf einem Dissertationsprojekt an der Universität Augsburg. Katharina Baur erforscht dort bereits seit längerem Leben und Werk der Autorin; das Ausstellungskonzept wurde aber während eines Praxisseminars mit weiteren Studenten entwickelt. Die junge Paula Winkler, 1877 in einer streng katholischen Familie in München geboren, gab wohl früh wenig auf Konventionen. 19-jährig arbeitete sie als Sekretärin für den Gelehrten Friedrich Helvig Arnd und seine Frau, die Schriftstellerin Helen Böhlau; sie hatte nicht nur ein von der Ehefrau geduldetes Verhältnis mit ihrem Chef, sondern folgte dem Paar 1897 für ein Jahr in eine Künstlerkolonie nach Klausen in Südtirol.

Ihren späteren Mann lernte sie 1899 während ihres Germanistikstudiums in Zürich kennen; nur in der Schweiz wurden Frauen an Unis zugelassen. Es dauerte nur ein knappes Jahr, bis Sohn Rafael zur Welt kam, zwölf Monate später folgte Tochter Eva. Als Paula dann auch noch aus der katholischen Kirche austrat, war die Toleranz ihrer Familie erschöpft, es kam zum Bruch. Martin Bubers jüdische Angehörige erfuhren die ersten Jahre überhaupt nichts von der Beziehung. Paula lebte mit den Kindern in Österreich, Martin in Berlin. Erst 1906 zog die Familie zusammen; ein Jahr später, als Paula zum Judentum konvertiert war, legalisierten sie ihre wilde Ehe.

Buber gelang in diesen Jahren der literarische Durchbruch mit den "Geschichten des Rabbi Nachman". Paulas Name wurde diesem Zusammenhang nie erwähnt, doch hat sie an den chassidischen Geschichten beständig mitgearbeitet. Buber verließ sich auf ihre dichterische Kraft und ihr Talent, bestätigte ihr das auch in handschriftlichen Widmungen, aber niemals offiziell. Paula zog es vor, ihre Werke unter einem Pseudonym zu verfassen. Sie nannte sich Georg Munk. Eine bewusste Wahl: Munk war der Nachname eines Kabbala-Forschers, den Vornamen Georg hatten vor ihr schon andere berühmte Autorinnen gewählt - George Eliot und George Sand. "Die unechten Kinder Adams" war der Titel ihres ersten Erzählbands, dem rasch Romane folgten. Ihre Bücher erschienen in namhaften Verlagen, die Kritik reagierte positiv, auch als aufflog, dass kein Mann hinter den Werken steckte. 1916 zog die Familie in ein großes Haus mit "Wunschgarten" nach Heppenheim. Die Kinder wuchsen heran. Rafael heiratete früh; als seine Ehe scheiterte, erstritt die energische Paula das Sorgerecht für seine zwei Töchter, die dann bei den Großeltern aufwuchsen.

Die schriftstellerische Karriere Paulas unterbrachen die Nazis. In einer Vitrine liegt der Brief der Reichsschriftumskammer vom 26. November 1935, der Paula über ihren Ausschluss informiert. Die Begründung: Sie sei jüdisch versippt. Großzügig räumte ihr die Kammer eine Frist bis Ende des Jahres ein, um alle Verbindungen mit Verlagen aufzulösen. Martin und Paula Buber zogen die Konsequenzen und emigrierten 1938 nach Palästina.

In Jerusalem begann Paula wieder zu schreiben. Zeichnete in "Muckensturm" die schleichende Nazifizierung einer Kleinstadt nach und hatte wohl Heppenheim vor Augen. Die hellsichtige Analyse, geschrieben zwischen 1938 und 1940, erschien in Deutschland 1953. Verleger Lambert Schneider fürchtete zu Recht: "Man mag hier nicht lesen, was alles geschah." Trotzdem wurde dieser Roman ihr bekanntester, wurde 2008 sogar wiederaufgelegt.

Paula Buber starb überraschend während einer Reise 1958 in Venedig. Nach Deutschland war sie nur mehr als Besucherin zurückgekehrt.

Zäh, genial, unbedenklich . . . Die Schriftstellerin Paula Buber, Donnerstag bis Sonntag, 14 bis 18 Uhr, Museumsdependance Ehemalige Synagoge Kriegshaber, Ulmer Straße 228, Augsburg; noch bis zum 28. Mai