Literatur in Indien Die hässlichen Auswüchse des Regimes

TOPSHOT - Indian police detain National Students Union of India (NSUI) students during a protest, after a student found was dead at a university hostel, in New Delhi on January 22, 2016. Rohit Vemula, a 26-year-old doctoral student at the university of Hyderabad, was found hanged on January 17, triggering protests in the southern city and New Delhi. He was one of five students, all from India's lowest Dalit social caste, to be suspended by the university after they were accused of assaulting the head of a right-wing student political group -- a charge they denied. AFP PHOTO / Chandan KHANNA / AFP / Chandan Khanna / AFP / Chandan Khanna

(Foto: Chandan Khanna/AFP)

Von außen sieht das Literaturfestival im indischen Jaipur so prächtig aus wie immer. Im Inneren aber brodeln Nationalismus und Meinungsterror - so wie im ganzen Land.

Reportage von Alex Rühle

Vor der Gasse, die zum Festival führt, stehen dieses Jahr etwa 50 Soldaten rum. Wobei sie eher aussehen wie Langzeitarbeitslose, die als Soldaten kostümiert wurden. Ob die bei einem Anschlag wirklich die schlagkräftige Antiterrorgruppe wären, die man in so einem Fall braucht, ist fraglich. Waffen tragen sie jedenfalls keine, aber Uniform ist ja auch schon was.

Auch sonst sehr viel Sicherheit, oder sagen wir: eine so großformatige wie sinnentleerte Inszenierung von Sicherheitsritualen. Am Eingang zum Gelände wurden Metalldetektoren aufgestellt. Die piepsen aber alle nonstop. Viele Besucher gehen entspannt plaudernd um die rostigen Kästen herum. Daneben steht ein Schild, das viel aussagt über indischen Humor: Kindly get yourself frisked. Durchsuchen Sie sich doch einfach selber.

Die Regierung in Delhi hat große Angst vor Anschlägen: Am vergangenen Sonntag war Nationalfeiertag, außerdem kam François Hollande auf Besuch. Und nachdem die Terroristen im November in Paris den Anschlag in Mumbai 2008 als Blaupause genommen haben, diskutieren die Sicherheitsexperten, wie groß nun umgekehrt die Gefahr eines "indischen Paris" ist. Vor Hollandes Ankunft, am Tag, als das Festival eröffnet, gibt es landesweit Verhaftungen und Hausdurchsuchungen, ein Taxifahrer wird in Delhi ermordet. Im Fernsehen schreit ein Moderator: "Das hier ist die mit Abstand größte Gefahr, der wir alle seit Jahren ausgesetzt waren und Sie sind bei uns live dabei! Es kann jeden Moment passieren, bei Ihnen zu Hause, hier im Studio, bitte bleiben Sie dran!"

Zwei aktuelle indische Witze: "Meinungsfreiheit", heißt einer. Der andere: "Demokratie"

Eine ähnliche, wenn auch längst nicht so katastrophenfreudige Nervosität durchpulst dieses Mal das Jaipur Literature Festival. Oberflächlich betrachtet, ist alles so üppig, farbig, wunderschön wie in den Jahren zuvor: die weitläufig dahinschwingenden Gebäude des Diggi Palace, die kunterbuntbeflaggten Zelte auf den Freiflächen, das warme Wetter. Obwohl das Palastensemble wirklich groß ist, platzt das JLF im zwölften Jahr seines Bestehens aus allen Nähten, und wenn gar kein Durchkommen mehr ist, weiß man, ah, da hinten ist wieder einer aus Bollywood eingeflogen.

Wer will, kann hier also einfach fünf Tage lang Superstars aus Film und Fernsehen begaffen. Er kann auch dem literarischen Weltgeist lauschen: Da sitzen dann David Grossman, Colm Tóibín, Margaret Atwood, Sascha Hemon und der sudanesisch-eritreisch-britische Autor Sulaiman Addonia, der lange in Saudi-Arabien lebte (ah, so herrlich, all diese fünffach gepatchworkten Biografien!) auf ein und demselben Podium und sprechen darüber, was manche Bücher zu universell gültigen Texten macht. Und ob nicht Fernsehserien mittlerweile den Roman als zeitgemäße Form, unsere Welt zu beschreiben, abgelöst haben.

Noch interessanter aber ist es, den indischen Autoren zuzuhören. Allein deshalb, weil man das Gefühl hat, dass dieses Festival direkt mit dem zentralen Nervensystem des Subkontinents verbunden ist. Es ist fast schon bizarr, wie Dinge, die hier gesagt werden, ins ganze Land ausstrahlen: Am Samstag schaut der homosexuelle Regisseur und Autor Karan Johar aus Mumbai vorbei. Er sagt, er kenne zwei aktuelle indische Witze, beide seien sehr kurz. Der eine gehe so: "Meinungsfreiheit". Der andere bestehe auch nur aus einem Wort: "Demokratie". Selbst in Bollywood müssten sie ihre Drehbücher jetzt irgendwelchen regierungsamtlichen Stellen unterbreiten, die das Ganze dann umschrieben. Johar wurde nach seinem Wutausbruch von Besuchern im Publikum beleidigt und schon nach wenigen Minuten im Netz antinationaler Umtriebe beschuldigt.