Literatur Im Raumschiff der gefrorenen Seelen
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Heute wird das neue Literaturmuseum in Marbach eröffnet. Seine spektakuläre Präsentation kehrt das Verhältnis von Werk und Manuskript um.
Wenn sich die schweren hölzernen Türen vor dem großen Saal im neuen Literaturmuseum der Moderne öffnen, steht der Besucher vor einem unerwarteten Anblick: Der Raum ist hoch und fensterlos, die Decke reflektiert nur wenig Licht. Die Wände sind mit dunklem Holz verkleidet. Durch den Raum ziehen sich vier jeweils dreißig Meter lange, ganz und gar transparente Vitrinen, in fünf Ebenen, alle vielfach unterteilt, so dass sich die Glasflächen, illuminiert durch Hunderte von kleinen, vertikal montierten Stableuchten, unendlich oft ineinander spiegeln.
Die Maschine eines lichtgetriebenen Raumschiffs könnte so aussehen, oder die Halle, in dem die Schneekönigin die gefrorenen Seelen ihrer Opfer lagert, bei fünfundfünfzig Prozent Luftfeuchtigkeit, fünfzig Lux Lichtstärke und einer Temperatur von achtzehn Grad - die sich im dünnen Hemd eines milden Frühlingstags bald schon anfühlen, als habe man einen Kühlschrank betreten.
Am heutigen Dienstag übergibt Bundespräsident Horst Köhler den neuen Bau und die neue Dauerausstellung der Öffentlichkeit. Er eröffnet ein Museum, wie es auf der Welt noch keines gibt. Wussten aber die Verantwortlichen des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, was sie taten, als sie vor fünf Jahren den Bau dieses Museums und die Einrichtung einer solchen Ausstellung beschlossen und David Chipperfield mit der Architektur beauftragten? Hatten sie eine Vorstellung davon, dass dieser Bau und seine Darbietungstechnik den Umgang mit den Exponaten einer Literaturausstellung auf eine völlig neue Grundlage stellen würden?
Gewiss, hier finden sich immer noch dieselben Gegenstände, die man in jeder beliebigen Ausstellung zu Leben und Werk eines Schriftstellers finden könnte: das Manuskript zum Gedicht "Ach, das Erhabene" von Gottfried Benn, auf der Rückseite einer Speisekarte notiert, den Führerschein von Hans Blumenberg mit einer der beiden Photographien, die es von diesem Philosophen gibt, einen Brief von Thomas Gottschalk an Marcel Reich-Ranicki. Und doch - dieser Raum, dieses Glas, dieses Licht verändern jedes einzelne dieser Objekte. Sie sind nicht mehr Illustrationen einer anderswo, außerhalb der Ausstellung, im literarischen Werk und dessen Rezeption, vorhandenen Bedeutung. Sie sind diese Bedeutung selbst.
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Im Spiegel der Exponate
Dreizehnhundert Exponate befinden sich in diesem Saal. In jeder der langen Vitrinen liegen sie aufgereiht in chronologischer Folge, beginnend mit dem Taufkleid von Thomas Mann aus dem Jahr 1875. Jeweils eine Vitrine ist einem Genre des Sammelns zugeordnet: zuerst die Manuskripte, dann die Bücher, dahinter die Briefe und hinten die Varia, die "Lebensdokumente aller Art", so dass man der Geschichte der deutschsprachigen Literatur folgen kann, während man gleichzeitig zwischen Leben und Werk der Dichter wechselt, je nachdem, wie Neugier und Laune gerade spielen.
Glas und Beleuchtung erlauben darüber hinaus, jedes Exponat von oben und von unten zu betrachten. Die oben liegenden Gegenstände spiegeln sich gar in einer quer eingelegten Scheibe, so dass man, wenn man von vorne schaut, auch eine Rückansicht des Objekts vor Augen hat.
Die Wirkung ist frappant: In einer traditionell dargebotenen literarischen Ausstellung werden, neben den üblichen Utensilien zu Leben und Charakter eines Dichters, zu Erich Kästners Aktentasche, Karl Wolfskehls Medikamenten und allerhand Brillen und Gehstöcken, vor allem beschriebene Papierbögen gezeigt, flach daliegende Blätter. Ihr Wert ist in erster Linie dokumentarisch.
Die neue Marbacher Ausstellung verändert diesen Charakter einer literarischen Ausstellung von Grund auf: Selbst ein dünner Zettel ist hier Materie, besitzt Tiefe, Struktur, eine eigene Dinglichkeit. Im Literaturmuseum der Moderne ist alles Masse, alles Körper - so sehr, dass selbst die Schrift zurückgenommen erscheint ins einfache Dasein, nichts anderes mehr zu beanspruchen scheint, als in diesem Saal der gefrorenen Seelen aufbewahrt und angeschaut zu werden.
Im neunzehnten Jahrhundert wunderten sich die Schriftsteller noch laut darüber, welche Bedeutung die Schriftgelehrten plötzlich den Zeugnissen der Entstehung und des Werdens eines Werkes beimaßen. Gottfried Benns ärztlicher Zwischenruf, dass die Germanisten, nicht zufrieden mit dem Kind, nunmehr auch die Plazenta haben wollten, verhallte.
Längst hatte eine neuere Philologie nicht nur die fast theologische Bedeutsamkeit des Entwurfs und des Manuskripts erfunden, sondern auch die Semantik des verworfenen, des beiseitegelegten, des vernichteten Texts erschlossen - und darüber hinaus die Zeichenhaftigkeit der tausend Dinge des praktischen und intellektuellen Lebens, die das Entstehen auch eines jeden literarischen Werkes begleiten.
Im Namen der Literatur wurde so ein weites Territorium jenseits aller poetischen Werke entdeckt, ein wildes Bleistiftgebiet, eine unendliche Registratur und Rumpelkammer, die nicht aufhört, zu wachsen. Das Ende in der wundersamen Vermehrung der Quellen scheint noch lange nicht gefunden - schon weil der Status des zu Sammelnden sich beständig verändert und immer neue Dinge hinzugezählt werden.