Literatur Im Netz der Gefühle

"Ego abgeben" möchte Thomas Lang im Blog-Projekt - beim Roman über Hermann Hesse arbeitete er sich hingegen an einem großen Ego ab.

(Foto: Peter von Felbert)

Der Münchner Schriftsteller Thomas Lang hat gerade den Hesse-Eheroman "Immer nach Hause" veröffentlicht - und nun das Online-Literaturprojekt "Der gefundene Tod" gestartet

Von Antje Weber

Er ist sehr weit weg und wirkt doch sehr nah. Nur der Kopf von Thomas Lang ist auf dem Computerbildschirm zu erkennen, ein bisschen Zimmerdecke noch dazu. Immerhin: Skype macht es möglich, den Münchner Schriftsteller überhaupt leibhaftig zu sehen, denn er weilt derzeit in den USA, wo er einen Creative-Writing-Kurs für Deutsch-Studenten gibt. Spielerisch mit der Sprache umzugehen, wolle er denen beibringen, erzählt er, nicht unbedingt gleich das Schreiben. Aber will man es ausschließen? "Man weiß ja nie, wie es ankommt", sagt Lang und lacht.

Auch bei einem anderen aktuellen Projekt weiß er noch nicht genau, wie es ankommen wird: Erst vor kurzem hat der Schriftsteller damit begonnen, unter dem Titel "Der gefundene Tod" einen Online-Roman zu verfassen. Das ist praktisch, denkt man, denn das Internet kann man ja von überallher auf der Welt bestücken. Doch ganz so einfach scheint die Sache auch wieder nicht zu sein: "Das ist ein enormer Aufwand", sagt Lang, schließlich will er in den kommenden sechs Monaten ja auch "den Prozess mit abbilden".

Das bedeutet: "Wir fangen Schritt für Schritt an." Das "Wir" bezieht sich auf das Literaturportal Bayern, das - neben dem Deutschen Literaturfonds - das Vorhaben unterstützt; mit dem hier tätigen Schriftstellerkollegen Fridolin Schley hat Lang das Projekt entwickelt. Schritt für Schritt, ohne allzu schnell alle Karten auf einmal auszuspielen, taucht derzeit also unter der Internetadresse http://netzroman.thomaslang.net immer neues Material auf der Plattform auf, zum Thema, zu den Figuren. Ganz langsam will sich der Schriftsteller so dem Eigentlichen nähern: dem Text. Mit "Material" sind zum Beispiel Schauplatz-Fotos gemeint oder Zeitungsartikel über jene wahre Begebenheit, auf der die Plotidee basiert: Es ist der Fall einiger Jugendlicher, die 2007 beim Feiern in Traunreut eine Leiche entdeckten. Statt die Polizei zu benachrichtigen, banden sie die Leiche an einen Baum, malträtierten sie und fotografierten. Als die Sache herauskam, wurden die Jugendlichen hart angegriffen, insbesondere in Online-Foren.

Natürlich zu Recht, die Aktion der Jugendlichen war "nicht in Ordnung", das stellt Lang klar. Dennoch habe ihn dieser Fall schon damals "sehr bewegt", sagt er, und in ihm angesichts mancher allzu heftiger Online-Kommentare auch "großes Mitleid" mit den Jugendlichen ausgelöst. Und so handelt sein Internet-Projekt um ein Mädchen namens Elle im Kern von einer "unguten Art, erwachsen zu werden". Das soll natürlich nebenbei auch Jugendliche interessieren; eine Gruppe von Schülern wird in den nächsten Monaten sogar eine Figur in der Erzählung entwickeln.

Warum Thomas Lang die Leser überhaupt so nah an sich heran lässt? Der 49-Jährige, ausgezeichnet für Romane wie "Than" und "Am Seil", geht offensichtlich immer wieder gerne neue Wege: Gerade erst hat er einen Roman veröffentlicht, der erstmals einen historischen Stoff behandelt. Der materialreiche, geradezu beschreibungsmanische und psychologisch fein differenzierende Künstler- und Ehe-Roman "Immer nach Hause" (Berlin Verlag) handelt von Hermann Hesses unglücklicher erster Ehe und seiner Selbstfindungsphase am Monte Verità. Ende Oktober wird Lang den Roman über diesen "total modernen Typen" Hesse, der ihn beim Wiederlesen der Bücher erneut "geflasht" habe, nach seiner Rückkehr aus den USA in München vorstellen. Was aber reizt einen Thomas Lang nun an einem gänzlich anderen Internet-Mitmach-Projekt? "Beim Schreiben ist man ja eigentlich für sich", erklärt er, "man kocht im eigenen Saft, ist sehr auf seine eigene Welt fixiert." Lang ist "positiv aufgeregt" darüber, seine Werkstatt mehr als üblich zu öffnen und, wie in anderen Künsten von Architektur bis Film üblich, Team-Arbeit zu wagen. Er will "das Ich und den Text aufbrechen", er will "Ego abgeben". Und er möchte sich dabei "bereichern lassen, nicht nur Show haben".

Denn der Verdacht der Show, des Modischen liegt bei einem Online-Projekt in diesen Zeiten natürlich schon ein bisschen nahe. Gerade erst hat Tilman Rammstedt - mit Unterstützung eines Verlags wie Hanser allerdings und gegen Bezahlung der Abonnenten - das Publikum an der Entstehung seines Romans "Morgen mehr" teilhaben lassen; auch eine Internet-Plattform wie Fortschrift.net lässt sich von den Lesern dafür bezahlen, dass sie Häppchen für Häppchen mit diversen entstehenden Romanen gefüttert werden. Thomas Lang hat selbst bereits sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Internet- und Gemeinschaftsprojekten gemacht, zum Beispiel dem "Forum der 13". Für ihn ist sein Projekt ein weiteres "Experiment", das Ergebnis ungewiss. Denn ob am Ende ein konventionelles Buch dabei herauskommt? Wie so oft in diesem Gespräch sagt Lang: "Ich weiß es noch nicht."

Sicher ist für ihn in diesem offenen Prozess nur: "Es muss einen Master geben, der die Kontrolle behält." Was nicht heißt, dass Lang sich nicht inspirieren und lenken lassen will in seinem "eigenen Tasten". Er will schließlich mit den Lesern oder besser "Usern", wie er korrigiert, über gewichtige Fragen diskutieren: Wie haucht man einer Figur Leben ein? Wie viel Wirklichkeit braucht die Fiktion? Wie findet man seinen eigenen Ton? Oder ganz konkret, wie bereits im Blog nachzulesen: "Habt ihr schon mal Berührung mit einem Toten gehabt?" Die ausführlichen, ernsthaften Antworten haben den Autor in ihrer Offenheit überrascht und gefreut: "Solche Sachen zu teilen, ist ja etwas Intimes, emotional Tiefgehendes."

Sollten viele Interessierte bei diesem Projekt einsteigen und dranbleiben, wird der Schriftsteller wohl noch häufiger solche Kommentare bekommen. Aspekte gibt es ja genug bei diesem Thema, das von harten Fakten ausgeht, um in der Fiktion einen neuen "Raum aufzumachen und eigene Bilder zu entwickeln". Der Kopf von Thomas Lang dreht sich im Skype-Fenster hin und her, als er noch einmal über die Bürde von Stigmatisierungen für ein Leben nachsinnt. Bis er schließlich herausfordernd fragt: "Vielleicht befreit sich die Figur ja aus alldem?" Kann schon sein - wenn alle ein bisschen mithelfen.

Mitmachen beim Online-Projekt: http://netzroman.thomaslang.net; Lesung von Lang aus seinem Hesse-Roman: Mittwoch, 26. Oktober, Seidlvilla