Literatur Familien-Bande

"Ich empfinde ihn als Retter", sagt Frido Mann über den Großvater. Bei Unerfreulichem aus dem Rest der Familie denkt er heute: "abhaken".

(Foto: Robert Haas)

Der Schriftsteller Frido Mann über seine Beziehung zu München, seine lebenslange Sinnsuche und den Großvater Thomas - dessen Bild, glaubt er, wird sich durch neue Briefe sehr verändern

interview Von Antje Weber

Er war der Lieblingsenkel von Thomas Mann, und auch mit 75 Jahren beschäftigt ihn die Familie unweigerlich noch immer. Frido Mann, der seit drei Jahren in München lebt, hat seinen eigenen Weg gesucht, mit dem Erbe umzugehen. Er hat Musik studiert, Theologie, Psychologie. Er hat sieben Romane geschrieben, die Autobiografie "Achterbahn", ein Buch über Nidden, Essays, ein Libretto. Bei einem Abend im Literaturhaus werden sein neuer Essay "An die Musik" sowie das Lesebuch "Frido Mann erzählt" im Vordergrund stehen.

SZ: Hier im Literaturhaus steht der ausgestopfte Bär, den Ihre Vorfahren bei der Emigration in München zurücklassen mussten: Bedeutet der Ihnen etwas?

Frido Mann: Nein. Ich kenne die Geschichte und weiß auch, dass das mit den Besitzverhältnissen ein bisschen komisch war. Für mich selber ist das sehr weit weg - anno Tobak, würde ich fast sagen.

Sie haben München, einstigen Familienwohnsitz, erstmals als Elfjähriger gesehen, haben später hier studiert und sind im Alter wieder hergezogen. Wie würden Sie Ihre Beziehung zur Stadt beschreiben?

Ausschlaggebend ist: Es ist die Stadt meiner Familie. Doppelt, weil ja sowohl die Manns aus dem Norden hierhergezogen sind als auch natürlich die Pringsheims hier lebten. Die verfolgen mich praktisch jeden Tag, wenn ich in der Arcisstraße in der Musikhochschule bin, wo ihr Palais stand. Und wenn ich von Schwabing-West, wo ich wohne, zu Fuß in die Universitätsgegend komme, in die Rambergstraße - da hat meine brasilianische Urgroßmutter Julia Mann gewohnt. Das ist für mich schon sehr bedeutsam. Hier in München hatte ich auch schon vor meinem Umzug so viele verschiedenartige Freunde, Bekannte, Bezüge wie noch nie. Das ist unglaublich, was sich hier aufgetan hat! Es ist wirklich Heimat. Ich habe auch die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen.

Wie erklären Sie sich die gute Aufnahme in München: Ist auch schlechtes Gewissen gegenüber Ihrer Familie dabei?

Das kann schon sein. Aber da haben wirkliche Umwandlungen stattgefunden. Es gibt viele Verdienste hier, zum Beispiel des von Dirk Heißerer gegründeten Thomas-Mann-Forums. Schon als ich vor 30 Jahren bei Lehmkuhl aus meinem Erstling las, merkte ich: Da kamen Massen, Leute saßen auf den Treppen. Nirgends auf der Welt habe ich seit den Achtzigern so sehr mein Publikum gehabt wie in München.

Das Interesse an den Manns, deren Nachlassverwalter Sie sind, wird ja durch immer neue Publikationen befördert. In München wird bald auch Tilmann Lahme lesen, der 3000 Briefe ausgewertet hat, die vor zwei Jahren im Züricher Thomas-Mann-Archiv plötzlich im Nachlass von Katia Mann entdeckt wurden. . .

Ja, die habe ich ihm zur Verfügung gestellt.

Sie waren über die allzu späte Entdeckung der Briefe ja empört?

Ja, die Briefe waren versteckt, einfach verschwunden. Nach einem Leiterwechsel kamen die dann zum Vorschein. Sehr, sehr merkwürdig, auch die Rolle der Hochschule ETH, die ja der Arbeitgeber für das Archiv ist. Aber der gesamte Nachlass ist nun einmal dort, das lässt sich nicht ändern. Es ist auch einsichtig, dass der Nachlass zehn Jahre nach Kriegsende dorthin ging: München oder Lübeck waren noch nicht so weit, niemand dachte an so etwas. Aber das ist 60 Jahre her, und die Zeiten ändern sich. Von daher bedauere ich das.

Was können wir Neues aus den Auswertungen von Lahme erfahren?

Es erwartet uns eine Verschiebung des Bildes, das man seit Jahrzehnten insbesondere von Thomas Mann fast schon gehätschelt hat. Auch das Verhältnis von Eltern und Kindern ist ganz anders. Früher hat man Thomas Mann ja immer als einen unnahbaren, kalten, rücksichtslosen, zum Teil sogar berechnenden Menschen gesehen, wie das bei Genies halt oft so ist - und dann die armen Kinder, Opfer seiner Art! Das hat sich fast umgedreht. Er ist ein liebevoller Vater gewesen, der sich gegenüber seinen Söhnen überwiegend positiv, ermutigend in Briefen äußert. Wenn sein jüngster Sohn Michael, mein Vater, sich als Halbwüchsiger nicht vernünftig verhält, dann kann er auch einmal aus der Haut fahren. Thomas Mann ist ein empfindlicher, empfindsamer Mensch, der sehr versponnen in seiner Literatur ist, der sich aber doch um die Familie kümmert - und es ist nicht einfach, ein Vater von sechs schwierigen Kindern zu sein! Diese Kinder werden gleich im ersten Kapitel fast als wilde Blagen beschrieben, die man erst einmal richtig zurechtstutzen muss. Aus einem Internat werden die Ältesten zum Beispiel zurückgeschickt, weil sie untragbar sind. Das ist schon eine große Änderung - einige Forscher werden staunen.

Diese Korrektur ist ganz in Ihrem Sinne?

Ja, als Kind habe ich meinen Großvater ja auch so erlebt. Ich habe gedacht, kann ja sein, dass er im Alter abgeklärt ist und früher anders war. . . Aber es ist eben nicht ganz so. Ich glaubte ihn während seiner allerletzten Lebensjahre manchmal als etwas kühl zu erleben, aber als ich dann in den Neunzigerjahren die Tagebücher las, dachte ich mir: Nee, der war nicht so!

Sie schrieben in Ihrer Autobiografie "Achterbahn" ja bereits, dass er für Sie der Retter war angesichts schwieriger Eltern.

Ja, ich empfinde ihn als Retter - beide Großeltern, auch Katia. Deshalb habe ich ja, wenn auch nicht ganz freiwillig, nach seinem Tod noch über die Schule hinaus in Kilchberg in der Schweiz gewohnt.

Und die Identifikation war groß: Dort kamen Sie ja morgens sogar mit seinem altem Morgenmantel und Pantoffeln aus dem Schlafzimmer. . .?

Ja, das waren sehr komische Sachen. Es war auch natürlich für einen Halbwüchsigen, der dabei ist, seine Eierschalen abzuwerfen, nicht gesund.

Wenn Sie heute an Ihren Großvater denken, was fällt Ihnen als Erstes ein?

Ein bergender, freundlicher, Halt gebender Herr, ein Vater-Ersatz fast.

Eine Szene, ein Geruch, eine Musik?

Das regelmäßige gemeinsame Musikhören gehörte schon dazu, klar. Sein Zigarrenduft. . . Das sind äußere Dinge, aber die sind nicht das Wichtigste.

Die Familie wurde schon mit den Windsors verglichen, und Sie selbst sahen sich gelegentlich auch schon in der Rolle von Prinz Charles.

Ja, ja. In Lahmes Buch kommt es zum Vorschein, und in den Briefen, die ein halbes Jahr später erscheinen werden, ist es noch viel krasser: wie aus Eifersucht Onkel, Tanten, Eltern auf mir herumhacken, in dem Maße, wie ich anfange, selbständig zu werden. Das sind ganz merkwürdige Entwicklungen. Als ich die Briefe durchschaute, die ich aus urheberrechtlichen Gründen ja auch genehmigen musste, habe ich mir bei einem ganz saftigen, bösen Brief meines Vaters - da war ich 17 und wollte mir meine Hörner abstoßen, Musiker werden - schon gedacht: Wie hässlich der über mich schreibt! Und dann habe ich mir überlegt: Nee, das sollen die ruhig bringen, denn letzten Endes fällt das ja auf den Briefschreiber zurück und nicht auf mich.

Mit der mittleren Mann-Generation haben Sie bereits mehrfach abgerechnet. Nur Klaus kommt stets am besten weg: Steht der Ihnen am nächsten als ähnlich Umtriebiger, Unverstandener?

Ja, schon. Ich habe wenige Erinnerungen an ihn, obwohl ich viel mehr haben müsste. Ich habe ihn bestimmt auch wegen seines Endes verdrängt. Und ich frage mich jetzt: Wie wäre er wohl geworden, wenn er auch alt geworden wäre wie Golo oder Elisabeth? Ich habe schon ein sehr achtungsvolles Verhältnis zu ihm und seiner Literatur.

Ihr Freund Anatol Regnier, der ein Buch über Kinder berühmter Eltern geschrieben hat, bedauert Sie: "Er schleppt den allergrößten Überbau mit sich herum." Schleppen Sie heute noch schwer, mit 75?

Ach, nein. Als vor sechs, sieben Jahren die Golo-Biografie kam, hat die mich ein bisschen niedergeschmettert. Da habe ich fast Depressionen gehabt. Das ist diesmal überhaupt nicht passiert. Bei bestimmten Dingen denke ich: Ach, da sieht man wieder - abhaken. Das sind für mich alles Nebenschauplätze, ich habe meine eigenen Sachen, ich bin so voll von eigenen Dingen.

Womit sind Sie im Moment voll?

Neben den zwei neuen Büchern, dem Musik-Buch und der Werk-Auswahl, ist noch ein drittes Buch unterwegs, das ich mit meiner Frau geschrieben habe. Darin geht es um das Verhältnis von Naturwissenschaft, Religion und Philosophie. Das ganze Auf und Ab: mal ist die Kirche am Drücker, nach Galilei ist die Naturwissenschaft tonangebend, dann kommt nach Einstein der Schwenk in Richtung Quantentheorie, die philosophisches Denken wieder ganz anders möglich macht. Quantenphysik ist ja sowieso eine Physik der Möglichkeiten.

Um Möglichkeiten geht es bei Ihnen immer wieder: Sie haben Musik, Theologie, Psychologie studiert, Romane, Sachbücher, Essays geschrieben. Was ist für Sie selbst der rote Faden Ihres Lebens?

Ja, es geht mir immer wieder um Möglichkeiten, und letzten Endes übergreifend um die Sinnsuche, Werteorientierung. Meine letzten Bücher über Religion, Musik, Naturwissenschaften kreisen alle um diese Frage, die ja auch familientypisch ist - Thomas Mann war ja auch am Ende seines Lebens der amerikanischen Religionsgemeinschaft der Unitarier eng verbunden, in der wir vier Enkel alle auf seine Veranlassung hin getauft worden sind. Das prägt offenbar irgendwie. Das würde ich als roten Faden sehen: dass ich auf einer anderen Ebene jetzt wieder bei dieser Frage der Sinngebung angekommen bin.

Diese Suche hat Sie in Ihrem Musik-Buch wieder zum "Doktor Faustus" getrieben, in dem Ihr Großvater Sie als engelsgleichen, jedoch tragisch sterbenden Knaben "Echo" verewigt hat. Jetzt schreiben Sie sehr versöhnlich über dieses Werk.

Der Knabe kommt in meinem Buch gar nicht mehr vor. Für mich ist im "Faustus" ein Punkt entscheidend: Es ist zwar ein Untergangs-, aber keinesfalls ein Verzweiflungs-Buch. Am Ende glimmt die Hoffnung auf. Das Buch hört ja auch mit einem Gebet auf, das finde ich weichenstellend.

Sie beschäftigen sich ja selbst seit langem mit einem spirituellen "Weltethos"?

Das Weltethos im Sinne des Theologen Küng war für mich ein Einstieg. Mir wurde aber immer deutlicher, dass er zu konstruiert definiert - wenig praktisch, wenig dialogisch, schon gar nicht meditativ. Ich würde Ethos inzwischen als etwas definieren, das vor allem durch Erfahrung und Begegnung erarbeitet werden muss, wie zum Beispiel im Weltkloster in Radolfzell. Nur wenn Menschen sich nicht nur in ihr eigenes Heil und Wohl versenken, sondern auch etwas für andere tun, werden sie glücklich - und bringen anderen Glück.

Frido Mann: Montag, 21. September, 20 Uhr; Familie-Mann-Biograf Tilmann Lahm: Freitag, 9. Oktober, 20 Uhr, Literaturhaus, Salvatorplatz 1