Literatur Eine Überlebens-Künstlerin

Eva Umlauf wurde im Alter von zwei Jahren als eine der Jüngsten im Vernichtungslager Auschwitz befreit. In ihrem genau recherchierten Buch "Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen" hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben

Von Eva-Elisabeth Fischer

Grundstimmung: zuversichtlich. Eva Umlauf sieht großartig aus, offener Blick, feiner Teint, klare Gesichtszüge. Schlank, aufrecht. Dass sie schon 73 ist, möchte man nicht glauben. Vielleicht ist das der Lohn dafür, dass sie so sehr leben wollte, damals, 1944, als sie noch nicht einmal zwei Jahre alt war, und auch wieder 70 Jahre später, 2014, als sie einen Herzinfarkt erlitt. Sie ist gebrandmarkt mit der Nummer A 26958, die sie bei der Ankunft im in der Auflösung befindlichen Vernichtungslager Auschwitz als eine der Letzten eintätowiert bekam. Registriert wurden sie und Agnes Hecht, ihre Mutter, auf einem Stück Notenpapier, weil dem Wachpersonal bereits das Büromaterial ausgegangen war.

Zwei slowakische Jüdinnen, die überlebt haben. Über die Verfolgung der Juden in der zwischen 1939 und 1945 als Rumpfstaat unabhängigen Slowakei ist weit weniger bekannt als über das nach dem Münchner Abkommen abgespaltene und von Hitler einverleibte sogenannte Protektorat Böhmen und Mähren, wo der Führer begeistert empfangen wurde. Staatspräsident war der katholische Priester Jozef Tiso, der zwar 1942 auf Druck Deutschlands der Judendeportation zustimmte, aber nicht deren Ermordung. Davor waren Juden, die nicht durch spezielle Ausweispapiere geschützt waren, bereits in ein Arbeitslager namens Nováky umgesiedelt worden, wo es im Vergleich zum KZ Theresienstadt jedoch vergleichsweise zivilisiert zuging. Die Endstation hieß allerdings auch für sie Auschwitz.

Dort nun wurden gleich bei Ankunft die Kinder von ihren Müttern getrennt. Eva kam zu den Kindern im Mengele-Block. Sie wurde in die Krankenbaracke verlegt, als sie lebensbedrohlich krank wurde. Nach drei Monaten in Auschwitz vom November 1944 bis zum 27. Januar 1945, dem Tag der Befreiung durch die Rote Armee, hatte ein jüdischer Arzt der Mutter gesagt: "Vergessen Sie das Kind, es wird nicht leben." Diese hat dem Arzt Jahre später "aus Daffke" ihre zwar wenig widerstandsfähige, aber wohlgeratene Tochter vorgeführt.

Eva Umlauf an der Hand ihrer Mutter mit knapp zwei Jahren 1944 im Arbeitslager für Juden in Nováky kurz vor der Deportation ins Vernichtungslager Auschwitz.

(Foto: privat)

Evas Vater Imro Hecht, den die blutjunge Mutter im Arbeitslager Nováky mit knapp 19 geheiratet hatte, ist in Auschwitz umgekommen. Mutter und Tochter Hecht blieben auch nach der Befreiung dort, weil sie zu schwach zum Reisen waren. Evas zweieinhalb Jahre jüngere Schwester Nora wurde in Auschwitz geboren und hat bis heute "Geburtsort: Auschwitz" im Pass stehen. Ob Nora dieselbe Last trägt wie sie? "Ich weiß nicht, ob sie dieselbe Last trägt, aber sie trägt eine Last, die Last der Nachgeborenen", sagt Eva Umlauf. Sie selbst fühlt sich als Bindeglied zwischen den Generationen - ein Opfer ohne konkrete Erinnerung und behaftet mit dem Trauma der zweiten Generation.

Aber erst der Herzinfarkt gab Eva Umlauf die Initialzündung, genau hinzusehen statt zu verdrängen. Sie schrieb auf, was subkutan da war und mit Fakten belegt werden musste. "Es ist sehr schwer zu sagen, was das Gehirn mit einem macht. Diese erzählten Erinnerungen von den anderen mit den eigenen Erinnerungen, das vermischt sich." Sie hat also ein Buch geschrieben, mit "Erinnerungen" untertitelt, das mit dem Zitat aus einem Gedicht "Das Zeugnis" eines Jugendfreundes, Ján Karsai, überschrieben ist: "Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen" (Hoffmann und Campe). Von der Mutter hat sie nichts erfahren, denn da galt das "unausgesprochene Frageverbot. Das, was ich recherchieren konnte, habe ich erfahren", sagt sie. Dazu ist sie nach Nováky gefahren, ins ehemalige Arbeitslager für Juden, wohin die Mutter 1942 deportiert wurde und wo sie geheiratet hat und im selben Jahr mit Eva niedergekommen ist. Die Kinderfotos aus der Zeit suggerieren zwei unbeschwerte erste Lebensjahre unter vermeintlich normalen Verhältnissen - wäre im Hintergrund nicht der Stacheldrahtzaun zu sehen.

Auch nach Auschwitz reiste Eva Umlauf viermal, aber nur einmal, im Jahr 2015, zu Recherchezwecken samt Führung. "Überall Touristen und immer kalt" sind ihre stereotypen Eindrücke. Im Gästehaus am Gelände wollte sie nicht übernachten, als sie 2011 am Jahrestag der Befreiung eine Rede dort hielt: "Da kommen Sie rein, und da steht schon 'Kommandatur' oben. Man wacht auf mit den Drahten vorm Fenster", beschreibt sie ihre Eindrücke, und: "Es ist wurscht, wo man wohnt, man spürt diesen Ort, man spürt diese Kälte, man spürt diese Leere. Das ist schrecklich, hat eine unheimliche Wirkung."

Hinschauen statt verdrängen: Eva Umlauf heute.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das Leben nach Auschwitz hatte und hat doch noch sehr viel mehr und Anderes für sie parat. Und gewiss nicht nur Schönes. Nach dem Krieg kam die nächste, die kommunistische Diktatur. Mutter und Tochter blieben in der Slowakei. Eva ging zu den Pionieren, lebte notgedrungen einen sozialistischen Alltag, in dem Religion, also auch das Judentum, keine Rolle mehr spielte. Die kleine Familie, zu der ein Stiefvater hinzukam, wohnte in Trenčín in bescheidenen Verhältnissen und verhielt sich politisch bewusst unauffällig. 1952 war Rudolf Slánský, Generalsekretär der dortigen KP, zusammen mit anderen jüdischen Genossen nach einem Schauprozess wegen angeblichen Hochverrats gehängt worden: Antisemitismus mit anderen politischen Vorzeichen, aber denselben tödlichen Unterstellungen wie denen der Nazis. Für Eva aber war 1956, als der Ungarnaufstand niedergeschlagen wurde, das Jahr, "in dem ich erstmals bewusst wahrnahm, wie sehr die politischen Entwicklungen doch in unser Leben hineinspielten".

Aber erst elf Jahre später, mit 25, reiste sie aus nach Deutschland, nachdem sie noch in der Slowakei den in München lebenden polnisch-jüdischen Bauunternehmer Jakob Sultanik, auch er ein Überlebender, geheiratet hatte. Ihre Familie floh wenig später, und man genoss gemeinsam die Freiheit bei wachsendem Wohlstand. Eva wurde Kinderärztin, bekam einen Sohn, im April 1971 verunglückte Sultanik im eigenen Haus tödlich: "Von einem Tag auf den anderen zerbrach mein Leben."

Aus ihrer problematischen Ehe mit Bernd Umlauf, einem Nichtjuden, gingen zwei weitere Söhne hervor. Das Scheitern dieser Ehe war auch wiederkehrendes Thema ihrer Lehranalyse. Denn die Fachärztin für Kinderheilkunde Eva Umlauf mit eigener Praxis wollte fortan als Psychoanalytikerin arbeiten. Es war sehr schwer für sie zuzusehen, wie ihre Mutter depressiv wurde, ohne dass sie etwas dagegen hätte tun können: "Sie können nicht als Tochter die Mutter therapieren", sagt Umlauf.

Agnes Hecht starb mit 72 an einem Herzinfarkt. Eva Umlauf war 72, als sie einen Herzinfarkt erlitt. Sie lebt. Sie schaut sich jeden greifbaren Film über jüdische Themen an, ist präsent in der Münchner jüdischen Gemeinde und voll überzeugt von ihrer positiven Mission als Zeitzeugin an Münchner Gymnasien. An diesem Donnerstag liest sie aus ihrem Buch und erzählt von ihren Erinnerungen, von denen die schwersten nicht ihre eigenen sind.

Eva Umlauf, Donnerstag, 17. März, 20 Uhr, Literaturhandlung im Literaturhaus, Salvatorplatz 1