Literatur Ein Urlaub ohne Bücher ist möglich, aber sinnlos

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Sommerzeit ist Lesezeit - und die Wahl der Urlaubslektüre mindestens genauso wichtig, wie die des Urlaubsortes.

(Foto: Jörn Kaspuhl)

Deshalb gibt es hier 21 Lektüreempfehlungen - von Paul Auster über Tana French bis David Foster Wallace.

Von SZ-Redakteuren

Hari Kunzru: White Tears

Es gibt Bücher, in denen man sich zu Hause fühlt. Hari Kunzrus "White Tears" schafft das mit seinen dichten Atmosphären. Der britische New Yorker erzählt vom Außenseiter Seth und dem Kind reicher Eltern, Carter, die nach dem College nach New York ziehen. Dort werden sie wegen ihres enzyklopädischen Popwissens erfolgreiche Musikproduzenten. Die Suche nach einem Blues-Song führt dann auf eine düstere Reise in die Südstaaten. "White Tears" könnte mit Nick Hornbys "High Fidelity" und Michael Chabons "Telegraph Avenue" so etwas wie eine Plattensammlerroman-Trilogie bilden. Es geht auch bei Kunzru um mehr als um Pop. Er analysiert die wachsende Ungleichheit, den Mechanismus der kulturellen Aneignung und die Nostalgie als Fluchtweg aus der Kälte der digitalen Welt. Als virtuoser Erzähler belässt er die großen gesellschaftlichen Strömungen im Subtext. Und weil er die Popkultur über Klänge und Gesten beschreibt und nicht in die Banalitätsfalle tappt, konkrete Namen zu nennen, ist "White Tears" ein ziemlich guter Gegenwartsroman geworden. (Andrian Kreye)

Hari Kunzru: White Tears. Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Liebeskind, München 2017. 352 Seiten, 22 Euro. E-Book 16,99 Euro.

Tana French: Gefrorener Schrei

Antoinette Conway ist die Neue bei der Dubliner Mordkommission. Jung, stark, immer wütend, ein Tier von einer Frau. Verbiestert und naseweis, finden ihre Kollegen und machen ihr das Leben zur Hölle. Nie bekommt sie die Serienmordfälle, immer nur die traurigen Opfer häuslicher Gewalt. Bis sie im Morgengrauen in einer Reihenhaussiedlung eine junge, blonde Leiche begutachtet, die ihr irgendwie bekannt vorkommt. Der scheinbare Mord aus Leidenschaft entpuppt sich als etwas Düsteres, die Spur führt direkt in Conways Umfeld. Kann jemand, der so neurotisch ist wie sie, sich selbst über den Weg trauen? Die perfekte Lektüre für laue Terrassenabende und durchlesene Gartennachmittage. (Meredith Haaf)

Tana French: Gefrorener Schrei. Roman. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016. 656 Seiten, 16,99 Euro.

Stephan Lohse: Ein fauler Gott

Plötzlich und auf rätselhafte Weise stirbt der achtjährige Jonas. Für seine Mutter Ruth und seinen elfjährigen Bruder Ben bricht ihre Welt zusammen. Nichts kann trösten, sie einander auch oft nicht. Gott, der nach Bens Meinung ein fauler Gott sein muss, erst recht nicht. Das Buch ist thematisch schwere Kost, aber es erschlägt einen nicht; es wird auch nie kitschig, es erzählt einfühlsam, sehr genau und aufmerksam für Nuancen, bisweilen anekdotisch im Zeitkolorit der Siebzigerjahre. Trotz der tieftraurigen Geschichte lacht man beim Lesen immer wieder laut auf. Man hört Ben und seinen Freunden in ihren Gesprächen und durchaus weisen Weltdeutungen zu - und gluckst und ist gerührt. Es geht um den Tod, das Erwachsenwerden, die ersten erotischen Erfahrungen, Jungsfreundschaften. Und Gott? Man liest eine Auseinandersetzung mit der Frage nach Gott, in der sich der Junge entwickelt. Sehr behutsam wird man darauf gelenkt, dass die Mutter lebensmüde wird. Am Ende wird sie von ihrem Sohn und seiner unverwüstlichen Lebensenergie gerettet. (Heribert Prantl)

Stephan Lohse: Ein fauler Gott. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2017. 330 Seiten, 22 Euro. E-Book 18,99 Euro.

In Aleppo zerfällt die Wirklichkeit

Wie verändert sich das menschliche Empfinden nach sechs Jahren Krieg? In "Der Spaziergänger von Aleppo" beschreibt der syrische Autor Niroz Malek ein Zwischenreich hart am Rande des Wahns. Von Kersten Knipp mehr ...

David Foster Wallace: Der große rote Sohn

Glossar (Achtung, es folgt Pornojargon und schön ist der nun nicht, aber essenziell, um den Ton dieses großartigen kleinen Buches zu erfassen): Ein Steher ist ein "verlässlich potenter männlicher Darsteller". Einer, der jederzeit einen Ständer, also "eine kamerataugliche Erektion", zustande (sic.) bringt. Warten auf den Steher ist immer nötig, wenn ihm das nicht gelingt. Hier kann Fluffen helfen, was "eine nicht gefilmte orale Aktivität" bezeichnet, "die den Ständer eines Stehers anregen, erhalten oder verstärken soll." Noch da? Dann eilig dieses wunderbare Buch besorgen. David Foster Wallace besucht darin die aVideo News Awards" - die Oscars der Pornoindustrie. Und was er 1998 vom "Großen roten Sohn" Hollywoods mitbringt, ist eine seltsam aktuelle Reportage (mit ausufernden Fußnoten) - brillant und überraschend liebevoll beobachtet und sehr, sehr lustig. Eine Übung enthält das Buch auch: "Verwenden Sie mindestes acht der vorgenannten Begriffe in einem klar gegliederten englischen Satz." Die Musterlösung ist schauderhaft. Und rührend. (Jakob Biazza)

David Foster Wallace: Der große rote Sohn. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2017. 112 Seiten, 7,99 Euro. E-Book 7,99 Euro.

Jarett Kobek: Ich hasse dieses Internet

Es ist nicht so, wie Sie denken. Dieses Buch handelt zwar vom Internet, hauptsächlich aber von ein paar Typen aus San Francisco, die Comics zeichnen, aus Versehen Kinder zeugen, sich in des Henkers schöne Tochter verlieben oder inspiriert von Jonathan Franzen schlechte Bücher schreiben, mit Titeln wie "Dampfend heißer Stahl". Die üblichen Sachen, nur treffen sie dabei recht gut gelaunt und sportlich auf die Web-Ökonomie, alt gewordene Hippies, Turbo-Gentrifizierung und die Mechanik von Twitter. Ach so, Ayn Rand kommt auch vor. Seit Jack Kerouac ist kein Buch mehr so entschlossen in die Maschine, also in den Laptop gehauen worden. Kobek nimmt irre ungerührt die Saga vom digitalen Fortschritt auseinander. Sie werden nach der Lektüre vielleicht, wie Adeline, J. Karacehennem und die anderen Helden Kobeks, einfach aus Spaß ein paar Wörter für sich und Ihre Freunde erfinden und künftig Einhörnern misstrauen, wenn sie welchen begegnen. Sie werden, glauben Sie es, von sich selbst überrascht sein, sich also wunderbar amüsieren. (Claudia Tieschky)

Jarett Kobek: Ich hasse dieses Internet. Roman. Aus dem Englischen von Eva Kemper. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016. 368 Seiten, 20 Euro. E-Book 16,99 Euro.

Riad Sattouf: Der Araber von morgen. Eine Kindheit im Nahen Osten

Eine Kindheit in Syrien, gesehen durch die Augen eines naiven kleinen Jungen, gezeichnet von dessen erwachsenem Alter Ego: Der französische Zeichner Riad Sattouf, Sohn einer Bretonin und eines panarabischen Syrers, ist die ersten 15 Jahre in Libyen und Syrien aufgewachsen. Sattouf hat diese autobiografische Graphic Novel auf sechs Bücher angelegt. Der aktuelle dritte Band fängt zwei Jahre in einem Dorf bei Homs ein, Schulalltag, Verwandtenbesuche, Spielen mit Freunden. Und doch erfährt man darin mehr über den Alltag im Syrien der Siebzigerjahre, über Diktatur und Vorurteile, patriarchalische Strukturen, Alltagsgewalt und Vetternwirtschaft als aus manchem Soziologieband. (Alex Rühle)

Riad Sattouf: Der Araber von morgen. Eine Kindheit im Nahen Osten. Vol. 3. Aus dem Französischen von Andreas Platthaus. Knaus Verlag, München 2017. 150 Seiten, 19,99 Euro

George Orwell: Denken mit Orwell - Sätze für Zeitgenossen

Seit Donald Trump im Januar seine Präsidentschaft antrat, ist George Orwells weltberühmter, 1949 erschienener dystopischer Roman "1984" wieder ein Bestseller. Oft zu kurz kommt allerdings, dass Orwell nicht nur Romancier war, sondern auch ein begnadeter Essayist und Aphoristiker. Seine so klugen und kurzweiligen wie oft verblüffend aktuellen Gedanken zu Armut, Freiheit, Antisemitismus, Gewalt, Glauben, Krieg, Ideologien, Opposition, Verfall, Wahrheit, Macht, Rache und Religion verdienen es derzeit mindestens ebenso wiedergelesen zu werden wie "1984". Vielleicht sogar noch etwas mehr. Und kein Buch eignet sich dafür besser als die feine kleine Sammlung "Denken mit Orwell". (Jens-Christian Rabe)

George Orwell: Denken mit Orwell - Sätze für Zeitgenossen. Diogenes Verlag, Zürich 1982. 122 Seiten, 8,90 Euro