Literatur Die Wahrheit hinter den Orangen

Verena Boos schlägt im Roman einen großen Bogen von Spanien nach München - bis zur Großmarkthalle

Von Antje Weber

Man stelle sich vor: Münchner Hauptbahnhof, August 1940. Soldaten, graue Uniformen, Hakenkreuze. Ein Zug fährt ein, er kommt aus Frankreich und ist voll mit spanischen Franco-Gegnern; seit drei Tagen und Nächten vegetieren sie hungrig, durstig, verdreckt in diesem Zug, dessen Ziel sie nur ahnen können. Ein Mann namens Antonio nutzt den Halt am Bahnhof und setzt sich ab. Er irrt durch München, ein Rotspanier in der faschistischen Höhle des Löwen, der Verzweiflung nahe. Bis er schließlich, fast verhungert, am Großmarkt landet. Dort liest ihn ein Arbeiter auf, versteckt ihn: Antonio überlebt.

Eine ganz und gar unwahrscheinliche Geschichte? Gar so unwahrscheinlich nicht. Die Schriftstellerin Verena Boos, die an diesem Mittwoch im Literaturhaus liest, hat für ihren Roman "Blutorangen" (Aufbau Verlag) gründlich recherchiert, unter anderem im Münchner Stadtarchiv. Und auch wenn sie den Mann namens Antonio erfunden hat: Den Deportationszug aus Südfrankreich gab es tatsächlich. Sein Ziel war das KZ Mauthausen, aus dem 357 von 430 Männern und Jungen nicht wiederkehren sollten. Die wenigen Überlebenden erzählten jedoch, so schreibt Boos im Nachwort, dass man in München "schlecht bewacht gewesen sei und vielleicht hätte fliehen können". Das Unwahrscheinliche, es wäre denkbar gewesen.

Nehmen wir also an, es hätte einen Mann wie Antonio gegeben und er hätte 1940 im nationalsozialistischen München auf dem Großmarkt wundersamerweise einen solidarischen Arbeiter gefunden. Nehmen wir zusammen mit der Autorin an, er wäre nach dem Krieg in München geblieben, hätte sich eine Existenz auf eben diesem Großmarkt aufgebaut und zum Beispiel Orangen aus Valencia importiert. Jahrzehnte später hätte er über seinen Enkel in München eine Austausch-Studentin namens Maite kennengelernt, die ausgerechnet aus einer Familie von Orangenbauern bei Valencia stammt. Und diese junge Spanierin wäre in München auch noch zufällig auf der Flucht vor ihrem herrischen Vater, der in Spanien auf der politisch entgegengesetzten Seite tätig war: Dieser Vater gehörte im Zweiten Weltkrieg der sogenannten Blauen Division an, einer spanischen Einheit aus Freiwilligen, die zusammen mit Hitlers Wehrmacht in Russland kämpfte. Nach dem Krieg war dieser Vater in der Guardia Civil einer der willfährigen Helfer der Franco-Diktatur. Die Vergangenheit, sie würde unseren Mann namens Antonio also selbst im Jahr 1990 in München von rechts wieder einholen.

"Hell erleuchtete Insel in der nachtschlafenden Stadt": der Großmarkt im Roman "Blutorangen".

(Foto: Ulrich Perrey/dpa)

Ganz schön kompliziert, diese geografischen und historischen Brückenschläge? Ja, der Debütroman von Verena Boos ist komplex, und man kann sich im Gewirr vieler Figuren, Zeitebenen, Orte und Fakten durchaus verirren. Doch wer sich die Mühe macht und die Zeit nimmt, sich auf diesen sorgfältig komponierten Roman einzulassen, der wird mit einigem Erkenntnisgewinn belohnt - und sei es schon allein damit, dass man darin die Stadt München einmal unter ganz anderen Gesichtspunkten kennenlernt: Der Hauptbahnhof, die Großmarkthalle und ja, das Centro Español sind in diesem Roman wichtige, ungewöhnliche Wegmarken.

Wie die Autorin darauf kam? Verena Boos, 1977 in Rottweil geboren, wohnt inzwischen zwar in Frankfurt. Drei Jahre lang, von 2007 bis 2010, lebte sie jedoch in München und leitete das Ronald-McDonald-Haus am Deutschen Herzzentrum in Neuhausen. Da sie in Sendling wohnte, radelte sie jeden Tag an der Großmarkthalle vorbei, "fasziniert vom Treiben, vom Handeln". Ihre Figur Maite wird dort, eingeführt durch Antonio, irgendwann ebenfalls arbeiten: "Sie liebt die Arbeit auf dem Großmarkt", heißt es in einer Episode. "Wenn sie zur Arbeit radelt, fühlt sie sich geborgen und willkommen auf dem betriebsamen Gelände, dieser hell erleuchteten Insel in der nachtschlafenden Stadt. Sie spürt sich selbst in der Körperlichkeit der Arbeit, sie hat hier eine gute Balance zwischen der Verderblichkeit ihrer Waren und der Dauerhaftigkeit der Routinen, zwischen Schweigen und Geselligkeit."

Auch die Geselligkeit im Centro Español in der Daiserstraße hat zuvor wohl noch nie eine Rolle in einem Roman gespielt. Antonio nimmt die Studentin Maite, die mehr über die Vergangenheit und ihren Vater wissen will, im Jahr 2004 dorthin zu seinen Kumpels mit. Boos beschreibt das Centro im Roman als lebhaften Diskussionsort der Linken, der seine Hoch-Zeit in den Siebzigerjahren hatte: "Die Deutschen litten an multipler Sympathie, für Spanien und für die Gegner Francos und sicher auch für das gute Essen, die Pächter wechselten alle zwei Jahre und gingen als gemachte Leute zurück nach Hause". Dann jedoch starb Franco, "viele gingen zurück, es kamen neue Leute aus weniger gebildeten Schichten, die Vereinsarbeit verlor ihren politisch-kulturellen Horizont, wie es halt so läuft."

Boos jedenfalls verliert ihren politisch-kulturellen Horizont in "Blutorangen" nicht aus den Augen. Vier Jahre lang hat sie intensiv an diesem Roman gearbeitet. Inspiriert wurde die Soziologin und Anglistin schon Jahre zuvor, als sie mit einem zeitgeschichtlichen Thema promoviert wurde und Nationalbewegungen in Schottland und Katalonien verglich. Als sie anschließend für ihren ersten Job als wissenschaftliche Mitarbeiterin zweier Stiftungen in Valencia lebte, wurde ihr im dortigen Freundeskreis eines klar: Die Themen Nationalismus und Franco waren mit großen Tabus belegt, "das war kein Thema". Dieses Schweigen wurde für Boos zum Ausgangspunkt ihrer Recherchen: "Was passiert, wenn ein pubertärer Rebellionskonflikt zwischen Tochter und Vater eine politische Grundlage bekommt? Wenn die Tochter eine dunkle, schuldhafte Vergangenheit entdeckt?" Als Boos nach und nach mehr von der massenhaften Flucht der Republikaner 1939 über die Pyrenäen nach Frankreich erfuhr, von den Deportationen wenig später von dort nach Deutschland, von der Existenz der Blauen Division, da "war mein Jagdinstinkt als Soziologin und Historikerin geweckt".

Und offensichtlich der Instinkt als Romanautorin, die all diese Fakten kunstvoll schichtet - und versucht, zwischen den Fakten die Menschen und ihre dunklen Seiten sichtbar zu machen. Auch wenn die Fronten zwischen rechts und links, zwischen Täter und Opfer natürlich recht klar sind und die Autorin ihre Sympathien mit letzteren nicht verhehlt: Selbst den in hohem Maße schuldigen franquistischen Vater von Maite versucht Boos in seiner Tragik zu zeigen, mit seinem "doppelten Boden", wie sie es selbst formuliert. Was ihre Figur Maite jedenfalls lernt: "Die Wahrheit erkennen hinter dem, was sie für normal gehalten hat. Das Schattenreich sehen hinter harmlos glatten Sätzen, die Welt hinter Worten und Zahlen." Bis hin zur Welt hinter den Fassaden eines Großmarkts - auch jede Orange hat schließlich eine Geschichte. Manchmal ist sie blutrot.

Herbst-Mix mit Verena Boos, Mercedes Lauenstein & Marcus Lucas, Mi., 28. Okt., 20 Uhr, Literaturhaus