Literatur Der Laut-Maler

Zum 150. Geburtstag: Alexander Graeff stellt Wassily Kandinsky mit "Vergessenes Oval" als Dichter vor

Von Sabine Reithmaier

"Links oben in der Ecke ein Pünktchen./ Rechts unten in der Ecke ein Pünktchen./ Und in der Mitte gar nichts./ Und gar nichts ist viel. Sehr viel - jedenfalls/ viel mehr als etwas." Wassily Kandinsky (1866 - 1944) könnte mit dem Prosagedicht "Leer" durchaus ein eigenes Bild beschrieben haben. Er war eben nicht nur Maler, sondern auch Dichter. Während ihn die Dadaisten sehr schätzten, sind seine literarischen Qualitäten heute fast vergessen.

Zum 150. Geburtstag des Künstlers haben jetzt Alexander Graeff und Alexander Filyuta einen kleinen Band herausgegeben: "Vergessenes Oval" (Verlagshaus Berlin), in dem sie Gedichte aus Kandinskys Nachlass veröffentlichen. Kandinsky begann in jungen Jahren zu zeichnen und zu schreiben. In einem Vierzeiler schwärmt er ein wenig konventionell über die überall verstreuten Blüten der Poesie und gelangt zu demm Schluss. "Du bist gefesselt, trotzdem bleibst du frei,/ Du bist allein, trotzdem bist du nicht einsam." Zu der Zeit studiert er in Moskau Nationalökonomie und Jura und macht sich in seiner Doktorarbeit 1898 über Mindestlöhne Gedanken.

1896 wirft er die Fesseln ab, lehnt den Ruf der Universität Dorpat (Tallin) ab und zieht nach München; nicht allein, sondern mit seiner Frau und fest entschlossen, Künstler zu werden. Das gelingt ihm unglaublich schnell, obwohl er die Aufnahmeprüfung an die Akademie im ersten Anlauf 1898 nicht schafft und erst zwei Jahr später in die Klasse von Franz von Stuck aufgenommen wird. Knappe zehn Jahre später ist er eine der wichtigsten Figuren in der avantgardistischen Münchner Kunstszene, gründet 1911 gemeinsam mit Franz Marc den "Blauen Reiter".

Über den berühmten Maler Wassily Kandinsky hat man mit den Jahren den Dichter vergessen, der einem kühn entgegenblickt.

(Foto: Imago Stock & People)

Ähnlich wie er sich in seiner Malerei schrittweise von der Gegenständlichkeit entfernt, klopft er auch schreibend ständig die Sprache ab, versucht vordergründige Wortbedeutungen zu überwinden und in die Tiefe vorzudringen. Er fabuliert farbig, manchmal auch wunderbar skurril. Seine erzählerisch angelegten Skizzen münden oft im Absurden. Aber wunderte sich nicht auch Paul Klee gelegentlich über die "sehr merkwürdigen" abstrakten Bilder seines Freundes?

1911 erscheint Kandinskys theoretische Schrift "Über das Geistige in der Kunst, insbesondere in der Malerei", ein Jahr später veröffentlicht er die "Klänge". Darin verknüpft er 56 Holzschnitte - zwölf farbige und 44 schwarz-weiße - mit 38 Prosagedichten, einer seiner vielen Versuche, Grenzen und Beschränkungen zu überwinden. Der Synästhet Kandinsky will Bilder schaffen will, deren Farben und Formen dem Betrachter Klänge suggerieren, gleiches gilt natürlich auch für seine Gedichte.

Die Dadaisten sind hingerissen. Hugo Ball, Mitbegründer der Dada-Bewegung, trug im Züricher Cabaret Voltaire, dem Stammsitz der Dadaisten, nicht nur eigene Lautgedichte vor, sondern auch die poetischen Prosa-Skizzen Kandinskys, bezeichnete ihn in einem Vortrag 1917 gar als den ersten, der "den abstrakten Lautausdruck" gefunden habe. Ähnlich begeistert äußerte sich Dada-Kollege Hans Arp, der in den Gedichten Wort- und Satzfolgen zu finden glaubt, die es bisher in der Dichtung nie gegeben hatte.

Im "Vergessenen Oval" lassen sich tatsächlich Gedichte entdecken, die sich wie Vorläufer der Konkreten Poesie lesen, wenngleich ihre typografische Erscheinungsform noch nicht so ausgeprägt ist. Kandinsky experimentiert mit "Silben": "Ei! Eichhörnchen! Ei -eich- hörnchen./ Ei - ei! -ch - h - örn-chen!" Oder lautmalt in der "Kleinen Welt" schreibt er: "Aaran. Aachen. Aaran. Aachen.../ Aachen. Aaran, Aachen. Aaran.../ Sonderbar."

Auch im "vergessenen Oval" sind übrigens Bild und Text gekonnt verknüpft. Der Zeichner Christoph Vieweg hat den Band behutsam illustriert. Die meisten Texte des Bandes sind Arbeiten aus den Jahren 1913 und 1914. Dazu gesellen sich Gedichte, die zwar aus dem Klänge-Manuskript stammen, dort aber nicht veröffentlicht wurden. Und eben die bereits erwähnten Jugendgedichte, die Alexander Filyuta ins Deutsche übersetzte.

Was übrigens ebenfalls deutlich wird: Der Idealist Kandinsky hatte tatsächlich auch Humor, wenn auch einen eher hintersinnigen. In "Wahrheit" schildert er seine Beobachtungen zum Regen. "Ich habe bemerkt, dass es beim Regnen immer tropft... Ich freue mich, dass ich eine Wahrheit kenne, die, soviel ich weiß, bis jetzt von niemanden bestritten wurde./ Ich freue mich riesig, dass ich gut beobachten und gut denken kann. So hoffe ich im Stillen, mit der Zeit auch etwas Wahres zu entdecken."

150. Geburtstag Wassily Kandinsky: Alexander Graeff stellt "Vergessenes Oval. Gedichte aus dem Nachlass" vor, 16. Dezember, 20 Uhr, Literatur Moths, Rumfordstraße 48