Literatur Der Geist gehört zu Deutschland wie Bratwurst und Bier

Wie gut abgehangene Dauerwurst baumelt das Deutschlandbuch auch nach zwölf Jahren Merkelpragmatismus noch im Ideenhimmel.

(Foto: Jessy Asmus)

Und eine seiner speckigsten Manifestationen ist zweifellos das Deutschlandbuch. Über ein Genre voller Thesen und Gedanken, lahm wie ein dreibeiniger Dackel.

Von Juliane Liebert

An nichts leiden die Deutschen lieber als an Deutschland. Linke leiden an Deutschland. Rechte leiden an Deutschland. Christian Kracht litt an Deutschland. Obwohl er aus der Schweiz kommt. Jetzt hat Pascal Richmann sein Debüt geschrieben, es heißt "Über Deutschland, über alles", und erst mal leidet nur der potenzielle Leser. Was nicht dem Autor, sondern mehr dem Verlagsmarketing anzulasten ist. "Schriebe Heine heute Deutschland ein Wintermärchen, er klänge wie Pascal Richmann." steht wörtlich im Pressetext.

Nun hat Heine "Deutschland. Ein Wintermärchen" über ein Land geschrieben, in das er als Exilant nach langer Zeit zurückkehrte. Ein Land, in dem er zensiert, mit Haft bedroht wurde, selbst so manchem Demokraten als frivol galt und antisemitischen Schmähungen ausgesetzt war. Er schrieb sein "Märchen" als Gedicht. In Versen wie hingeschüttelt, traurig, romantisch, respektlos und vor allem: witzig. Pascal Richmann schreibt Prosa. Über ein Deutschland, das zu den reichsten Ländern der Welt gehört und ob seiner stabilen rechtsstaatlichen und demokratischen Verfassung zum Sehnsuchtsort für Millionen von Migranten geworden ist. Sein Buch beginnt an Heines Grab.

"Ich glaube, die Leute wären schnell dazu bereit, einander an die Kehle zu gehen"

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Dort steht der Erzähler, der als mit dem Autor weitgehend identisch gelten darf, und zerbricht sich den Kopf über das Klischee, in das er sich freiwillig begeben hat. Das Dichtergrab in Paris. Heinezitate schwirren ihm durch den Kopf - und dann sind wir auch schon beim Fest der Burschenschaften in Eisenach auf der Wartburg. Atemlos sprunghaft setzt er Deutschland als lückenhaftes, beschädigtes Mosaik aus tagebuchartigen Skizzen und Zitaten zusammen. So kommt der Vorfahre aller Arier angeblich aus Atlantis, die deutschen Burschen haben Hausverbot auf der Wartburg, in Düsseldorf gibt es einen Zahnarzt, der jahrelang ein Heinrich-Heine-Denkmal wieder und wieder mit einer eigens konstruierten Apparatur geputzt hat, um es von Graffiti zu befreien.

Heines "Reisebilder" sind das Vorbild

Dabei geht es Richmann, das erzählt er im im Skype-Interview, vor allem um den literarischen Ansatz des nichtfiktionalen Erzählers: "Es stand nicht die Idee am Anfang, ein Buch über Deutschland zu schreiben, sondern ein Interesse daran, wie Non-Fiction-Texte funktionieren können. Was es bedeutet, aus der Wirklichkeit in die Wirklichkeit hineinzusprechen", sagt er.

Das Vorbild dafür sind wohl eher Heines "Reisebilder", die in "Über Deutschland, über alles" mehrmals zitiert werden. Diese zwischen Feuilleton und literarischer Fiktion, Reportage und Poesie, Essay und Plauderei changierende Prosa hatte in der gravitätischen deutschen Hochliteratur immer einen schweren Stand. Richmann bricht mehr als nur eine Lanze für sie, er verteidigt sie bis in monströs die Seite überwuchernde Fußnoten hinein.

"Für einen meiner ersten Essays bin ich nach Geiselwind - ein Rastplatz irgendwo in Franken an der A3 - gefahren, auf dem einmal im Jahr ein Truckerfestival stattfindet." erzählt er "Dort traf ich Roy, der auch alleine da war, ein großer Countryfan. Wir haben natürlich sehr viele sehr männliche Sachen gemacht. Irgendwann hat er mir erzählt, dass sein Vater Siegfried heißt. In dem Moment hab ich gemerkt, was mich am Umgang mit faktischem Material interessiert. Würde man eine Kurzgeschichte schreiben, würden alle sagen, Komm schon, der Vater kann doch nicht Siegfried heißen und seinen Sohn Roy nennen. Das ist viel zu stumpf."

Eine der speckigsten Manifestationen des deutschen Geistes ist zweifellos das Deutschlandbuch

Die Frage ist nur: Brauchen wir überhaupt als solche deklarierte Deutschlandbücher? Und wenn, wie müssen sie aussehen? Jedes gute deutschsprachige Buch ist auch ein Buch über Deutschland. Als Heine 1823/24 seinen Sonettenkranz "Für Friederike Robert" schrieb, litt er weniger an Deutschland, als vielmehr an Verliebtheit - und an Berlin: "Verlaß Berlin, mit seinem dicken Sande / Und dünnen Tee und überwitzgen Leuten / Die Gott und Welt, und was sie selbst bedeuten / Begriffen längst mit Hegelschem Verstande". Wie aktuell diese Zeilen sind, sei dahingestellt, fest steht aber, dass der Hegelsche Verstand als Inspiration und Alb hartnäckig durch Heines Kopf spukte. Verantwortlich dafür war wohl der berüchtigte Zeitgeist, der wenig später dann als Gespenst in Europa umgehen sollte. Geist, Gespenst, Verstand - irgendwo dazwischen bewegt sich auch das deutsche Denken, seit die Deutschen übers Deutschsein nachdenken.

Der Geist gehört zu Deutschland wie die Rostbratwurst und das Bier, er lässt es nicht in Ruh. Und eine seiner speckigsten Manifestationen ist zweifellos das Deutschlandbuch. Gut abgehangen baumelt es auch nach zwölf Jahren Merkelpragmatismus noch im Ideenhimmel. Spezifische Merkmale: Thesen, hart wie Kruppstahl, Sätze, zäh wie sein Ledereinband und Gedanken, lahm wie ein dreibeiniger Dackel. Es gab viele, ganz unterschiedliche Versuche, ihm diesen Schrecken zu nehmen. Kracht versuchte unser Land schon im Titel (Faserland) seiner Dandy-Odyssee zur Kenntlichkeit zu entstellen. 2005 wanderte Wolfang Büscher, der unermüdliche Fußgänger unter den deutschen Journalisten, einmal die Grenze Deutschlands ab. Schon aus seiner Bewegung spricht eine gewisse Verzweiflung: Wie bekomme ich dieses verdammte Ding nur zu fassen? Oder eben: Wie komme ich drum herum?

Der Weg von flapsiger Ironie zur akademischen Gespreitzheit ist kurz

"Über Deutschland über alles" lässt kein aktuelles Thema aus: Die neue Rechte, Islamophobie, Patriarchat, Rhein und Nibelungen, Kartoffeln. Aber die Frage, der dieses Buch sich stellen muss, lautet: Was erfahre ich hier denn über eine Pegida-Demo, was ich nicht schon in tausend Texten gelesen und auf Filmbildern gesehen habe?

Stilistisch ist bei Richmann der Weg von flapsiger Ironie zur akademischen Gespreitzheit kurz: "Clever wie die Fliege war uns aufgefallen, dass das meiste Sprechen über soziale Beziehungen ja zugleich die ökonomischen anmoderiert". Es ist ein merkwürdiger Stil. Wie hingerotzt zuweilen, und doch stehen da immer wieder Sätze, die arg gesucht wirken. Vieles wird angerissen, wenig bleibt hängen.

Richmanns Grundidee ist interessant, die Inszenierung um sein Buch ist falsch. Er leidet nicht an Deutschland. Nur ergibt sich dann erst recht die Frage: Warum dann ein Buch mit Deutschland im Titel? Er selbst scheint sein Buch als eine Art am eigenen Erleben und Erzählen angewandte Diskursanalyse zu begreifen. Er will nationale und rassistische "Narrative" - im verqueren, idiosynkratischen Wieder- oder Umerzählen - dekontamieren, wie er es nennt. Damit verknüpft er wiederum grundsätzliche Reflexionen über das Erzählen. Das eine spiegelt sich im anderen. Der Ansatz klingt vielversprechend: Man raubt erzählend den bösen Erzählungen ihre Macht und feiert das Erzählen, indem man ihm skeptisch gegenübersteht. Doch wie schon eine sehr deutsche Fußballphrase lautet: "Grau is alle Theorie - entscheidend is auf'm Platz.". Das gilt auch für Literatur.

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