Literatur Capricen im Kopf

Meir Shalev lässt nicht nur Mohn und Lupine wuchern.

(Foto: Refaella ShiR /, 2017, Diogenes Verlag AG)

Der israelische Schriftsteller Meir Shalev stellt sein Buch "Mein Wildgarten" im Jüdischen Kulturzentrum vor

Von Eva-Elisabeth Fischer

Man sollte sich nicht in die Irre führen lassen vom neuesten, bei Diogenes erschienenen Buch des israelischen Schriftstellers Meir Shalev. Es heißt "Mein Wildgarten" und suggeriert, hier handle es sich in der Camouflage eines erbaulichen Ratgebers vor allem um einen weiteren Beleg für die Flucht ins Private eines bis dato politisch höchst engagierten Mannes. Natürlich schreibt Shalev über Anemonen, Lupinen und Zitronenbäume mit dem Blick des Liebhabers, allerdings gepaart mit der Akribie des Zoologen, der er einmal werden wollte. Es sind 48 literarische Stückchen geworden auf 341 Seiten, ergänzt um etliche reizende Illustrationen von Refaella Shir. Die machen nun wirklich täuschend glauben, Meir Shalev belasse es bei den pittoresken Schilderungen seines Rückzugsidylls, umweht von Blütenduft und Bienengesums.

Das alles gibt es natürlich auch. Aber so ganz nebenbei nehmen die assoziativen Capricen im Kopf überhand, wenn er seinen Schubkarren durch Sträucher und Kräuter balanciert. Zum Beispiel seinen Exkurs über die Wilderei possierlicher Katzen, die Reptilien sonder Zahl erlegen "mit fast menschlicher Grausamkeit". Oder er beschenkt den exzentrischen Liebhaber von Nacktmullen unter den Lesern mit einem ganzen Kapitel über dessen wurzel- und knollenfressenden, also rundum destruktiven bepelzten Verwandten, die Blindmaus wie auch die aussichtslosen Vernichtungsmanöver des Gartenbesitzers. Gaspatronen aus nachvollziehbaren Gründen ausgenommen, versteht sich.

Shalev vergisst den Boden nicht, worauf etwas wächst. Und dabei auch nicht die Historie, das Narrativ derer, die ihn bearbeiten. Meir Shalevs Wildgarten gedeiht, wo seine Vorfahren als Neueinwanderer aus Russland siedelten - in der Jesreelebene. Ob es Juden oder Araber waren, die seinen Kaktusbaum pflanzten, weiß er nicht. Aber der dient ihm als treffliches Exemplar, die Bedeutung des Begriffs "Sabre" zu erläutern. Die jiddische Verballhornung des arabischen Worts meint nicht nur dessen Frucht, sondern hat sich, außen stachelig und innen süß, eingebürgert als Synonym für den im Land geborenen Israeli. Der Baum selbst "ist weder arabisch, noch jüdisch, weder zionistisch, noch antizionistisch, sondern ein Migrant. Er stammt aus Mexiko", schließt Meir Shalev dieses Kapitel. In "Mein Wildgarten" also schreibt er recht eigentlich seine politische Kolumne in der linksorientierten Tageszeitung Jedi'ot Acharonot fort, historisch abgefedert und bibelfest bis ins Detail. Ein hinreißendes Vergnügen.

"Mein Wildgarten", Meir Shalev und Udo Wachveitl, Montag, 8. Mai, 19 Uhr, Jüdisches Kulturzentrum, Sankt- Jakobs-Platz 18