Literatur Aufbruch ins Ungewisse

Der Schriftsteller Fridolin Schley zeichnet in seinem Buch "Die Ungesichter" die Fluchtgeschichte einer jungen Somalierin nach, die heute in München lebt

Von Antje Weber

Dieses Buch ist entsetzlich. Man möchte das, was darin steht, nicht wahrhaben, möchte es verdrängen, ungeschehen machen.

Aber es ist da.

Der Münchner Schriftsteller Fridolin Schley hat die Geschichte des somalischen Mädchens Amal aufgeschrieben, das sich 2009 im Alter von 15 Jahren auf die Flucht gemacht hat. Im Band "Die Hoffnung im Gepäck", der im Herbst beim Literaturfest vorgestellt wurde, war der Text als Auszug zu lesen. Nun hat Schley ihn unter dem Titel "Die Ungesichter" (Allitera) in der Langversion veröffentlicht, an diesem Donnerstag stellt er das Buch im Stragula vor. Es ist nicht die einzige Lesung, die sich in diesen Tagen dem Thema Flucht widmet: Am selben Abend beginnt in der Buchhandlung Isarflimmern (Auenstraße 2, 20 Uhr) eine Reihe mit Gesprächen von Münchner Autoren mit Geflüchteten. Und am 19. April kann man im Kösk mit drei Brüdern aus dem Iran diskutieren, die ihre Flucht- und Integrationsgeschichte im Buch "Brüder Sadinam - unerwünscht" verarbeitet haben (Schrenkstraße 8, 19 Uhr).

Fridolin Schley jedenfalls hat seine Stimme in "Die Ungesichter" einer jungen Frau geliehen. In einer kongenial atemlosen Sprache, in einem einzigen langen Satz erzählt er, was Amal, die mit richtigem Namen anders heißt, in ihrem bisherigen Leben widerfahren ist. In Somalia wird ihr Vater, ein Dolmetscher und Englischlehrer, von Islamisten umgebracht. Sie selbst wird in einem Lager vergewaltigt und zwangsverheiratet. Irgendwann kann sie entkommen; zu Hause hat inzwischen die Mutter alles Hab und Gut verkauft, will mit den Brüdern untertauchen, Amal vertraut sie einem Schlepper an. Der bringt sie statt nach London nur in die Ukraine. Sie flieht weiter, verletzt sich an einem Grenzzaun aus Stacheldraht, landet ein halbes Jahr im Gefängnis. Und so geht es weiter, irgendwie, über Bratislava, Wien, mit viel neuem Leid, aber auch Hilfsbereitschaft.

Ein traumatisiertes Land: Somalia bringt viele Fluchtgeschichten wie die von Amal hervor.

(Foto: RADU SIGHETI/Reuters)

Bis Amal in München landet, wo sie heute lebt und eine Ausbildung zur Krankenschwester macht - und wo die Geschichte von Schley erstmals einen Punkt als abschließendes Satzzeichen bekommt. Auch wenn sie weitergeht.

Fridolin Schley: Die Ungesichter, Donnerstag, 14. April, 19 Uhr, Stragula, Bergmannstr. 66