Literatur auf Kuba Insel im Meer der Angst

Ángel Santiesteban vor der Hafeneinfahrt von Havanna und dem Castillo de los Tres Reyes del Morro.

(Foto: IGOR)

Ein Besuch bei dem kubanischen Schriftsteller Ángel Santiesteban, der in seiner Heimat zum Schweigen gebracht werden soll. Nach seiner Haftentlassung wartet er nun auf seinen Reisepass.

Von RALPH HAMMERTHALER

Morgen, sagt Ángel Santiesteban, morgen ist der entscheidende Tag. Davon ahnte ich nichts, als ich mich mit ihm verabredete, bei ihm daheim in Vedado, einem der besseren Viertel von Havanna. Ángel steht auf dem Balkon, damit ich das Haus nicht verfehle, und winkt mich herauf. Morgen, sagt er, bekomme ich meinen Pass zurück.

Dann nämlich hat er seine fünfjährige Strafe verbüßt. Dass er 2015 auf freien Fuß gesetzt wurde, wenn auch nur auf Bewährung, verdankte er dem Auswärtigen Amt unter Frank-Walter Steinmeier. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis erhielt er von Steinmeier einen Brief, der Außenminister beglückwünschte ihn zur wiedergewonnenen Freiheit. Heb ihn dir gut auf, sag ich, der Brief landet bestimmt mal in einem Literaturmuseum. Durch die Haft sollte Santiesteban als Schriftsteller und Blogger zum Schweigen gebracht werden. Kritik an Regierung und System wird in Kuba nicht hingenommen. Seit mehr als zehn Jahren ist kein Buch mehr von ihm erschienen. Mit Artikeln für Cuba.net hält er sich halbwegs über Wasser.

In Deutschland sind seine Erzählungen erschienen - vor den spanischsprachigen Originalen

Im vorderen Teil der Wohnung steht ein Sofa, auf dem wir uns niederlassen. Nelton Pérez ist zu Besuch, einer von zwei kubanischen Schriftstellern, die Ángel als Freunde geblieben sind. Er zieht einen Stuhl mitten ins Zimmer, setzt sich und liest, als wären wir nicht vorhanden, in einem Roman. Erst später, als Ángels Mutter Schälchen mit Flan, Karamellpudding, bringt, erzählt er ein bisschen von sich, von Büchern, die in Brasilien verlegt werden. Der andere Freund, Amir Valle, lebt im Berliner Exil. Er hat unser Treffen eingefädelt, weil er verschlüsselt mit Ángel kommunizieren kann. Eine herkömmliche Email wäre abgefangen worden.

Ihm hat Ángel seine letzten Herbst auf Deutsch erschienenen Erzählungen gewidmet, "Wölfe in der Nacht". Eine ganze Reihe davon sind das erste Mal überhaupt veröffentlicht worden, also noch vor den spanischen Originalen. Weitere Übersetzungen gibt es bislang nicht. An eine Publikation in Kuba ist ohnehin nicht zu denken. Würden sie jetzt nach mir rufen, sagt Ángel, würde ich mich beleidigt fühlen. Die größtenteils düsteren, existenziell geschärften Geschichten kreisen um das Gefängnis und den Angolakrieg, in den sich Kuba einst verstrickt hatte. In meinen Augen hast du eine Art von kubanischen Existenzialismus geschaffen, behaupte ich. Ángel sagt nicht ja, nicht nein, er schaut mich lange an, ganz so, als ließe er mich lieber im Ungewissen.

Für einen, den die offizielle Literaturszene verstoßen hat, der keine Einladungen erhält, keine Bücher veröffentlichen und keine Lesungen machen darf, dem sich auf der Straße Spitzel an die Fersen heften, - für so einen muss ein Buch in Deutschland wie das letzte Rettungsbrett wirken. Drei Monate wartete er darauf, ehe es ein Kurier in einem plombierten Postsack an die deutsche Botschaft in Havanna lieferte. Ángel zieht Kritiken aus einer Klarsichtmappe, Süddeutsche, die taz. Mittlerweile ist er für Lesungen in die USA eingeladen worden, nach Kolumbien und in die Schweiz. Darum fiebert er dem Pass entgegen, denn ohne müsste er alles absagen.

Jedes Jahr im Februar findet in der Fortaleza de San Carlos de la Cabaña, gelegen an der Hafeneinfahrt von Havanna, eine Buchmesse statt; dieses Jahr hat sich zur selben Zeit eine Gruppe von zensierten Autoren in einer Privatwohnung getroffen, in der Altstadt bei einem bildenden Künstler. Reihum sollten Texte vorgelesen werden, aber zu hören waren nur eineinhalb. Ángel konnte seinen Beitrag nicht mehr vorstellen. Denn die offenbar gut informierte Polizei löste die Versammlung auf. Nach sechs Stunden in Gewahrsam kam er wieder frei.

Für den Sozialismus kubanischer Spielart hat Ángel nur ein Wort parat: Diktatur. Er spricht es gelassen aus. Nelton stimmt zu und vergleicht das Kuba der Castros mit Francos Spanien. Wo liegt der Unterschied? Für eine der Wahrheit verpflichtete Literatur ist er schwer zu finden. Wird sich durch den angekündigten Generationswechsel in der Politik etwas verändern? Müde lächelnd schüttelt Ángel den Kopf: Das ist ein Trugbild. In langen Nächten schreibt er im Augenblick an einem Familienroman vor dem Hintergrund der kubanischen Revolution, von 1959 bis in die Gegenwart. Auf Illusionen wird man darin nicht treffen. Stattdessen verspricht er Ironie, Sarkasmus und Humor. Drei literarische Strategien, um nicht zu verzweifeln.

Mit seinen gut fünfzig Jahren blickt Ángel auf mehrere Haftstrafen zurück, immer unter einem fadenscheinigen, doch gut inszenierten Vorwand. Im Gefängnis, sagt er, habe er viel über die Menschen und die Gesellschaft gelernt. Über das Leiden einerseits und andererseits über die Kraft, das alles durchzustehen. Über Beobachtung und Kontrolle. Über die Wahrheit, die sich hinter den offiziellen Parolen verbirgt. Du kannst es auch so sehen: Das Gefängnis ist eine Insel der Freiheit inmitten einer Gesellschaft, die Angst verbreitet.

Als Addys, seine junge Frau, dazu stößt, sagt Ángel: Lasst uns eine Runde drehen. Bevor wir draußen in seinen alten weißen Peugeot steigen, ertappe ich mich dabei, dass ich nach Spitzeln umschaue. Aber mir fällt niemand auf. Wohin es geht, weiß ich nicht, jedenfalls hinaus nach Miramar. Ein makellos sonniger Tag, es ist ziemlich heiß. Nelton fragt mich nach der DDR und wie viel davon noch übrig ist im heutigen Deutschland. Am Ende einer Seitenstraße grüßt jemand herüber, er wird sich zu uns ins Auto zwängen. Vor dem Eingang parkt ein Polizeiwagen. Ángel hält dahinter an und streckt beschwörend die Finger aus, dazu sein leises Zischen. Als der Polizeiwagen wegfährt, blickt er in den Rückspiegel: Und? Hast du gesehen? So macht man das.

In der Nähe der Küste lässt er Addys aussteigen. Er weist auf Überwachungskameras hin, hier überall. Als er die Fahrt fortsetzt, winkt er einer Kamera zu. Auf dem langen Malecón, der Uferstraße, gelangen wir ins Zentrum. Hier verlässt der Fahrgast aus Miramar das Auto. Wir übrigen nutzen das Licht des späten Nachmittags und fotografieren uns gegenseitig.

Rechtschaffenheit, Ehrlichkeit und Transparenz wurden in Kuba leichtfertig verspielt

Amir Valle, der Freund in Berlin, hat ein Buch über Prostitution in Kuba geschrieben. Es heißt "Jineteras", "Reiterinnen", was nicht für ein sexuelles Stilmittel steht, sondern für die Angriffslust auf Touristen - so wie früher kubanische Freiheitskämpfer gegen spanische Bataillone angeritten sind. Prostitution ist in Kuba verboten, offiziell existiert sie nicht, aber sie wird geduldet. Darin erblickt Amir die ganze Heuchelei der kubanischen Gesellschaft. Die doppelzüngige Moral hält er für die schwerste Bürde, sollten sich die Verhältnisse einmal umkehren. Denn geschätzte Werte wie Rechtschaffenheit, Ehrlichkeit und Transparenz wurden fahrlässig verspielt.

In seiner Erzählung "Die Creolen, die dem Mond am Himmel fehlen" greift Ángel das Thema auf, und zwar am Beispiel eines jungen Ehepaars, leise beobachtend, nicht wertend, die soziale Not unaufdringlich markierend. Erst geht sie anschaffen, dann er. "In ihrem Rücken spürt sie das ganze Gewicht der Nacht. Sie holt einen kleinen Spiegel hervor und pudert sich, um die Schatten unter den Augen zu verdecken. Der Taxifahrer schaut sie im Rückspiegel an und kann sich ein zynisches Lächeln nicht verkneifen, er weiß, sie riecht nach Sex."

Ángel sagt: In Kuba haben wir es nicht nur mit der Prostitution des Körpers zu tun, sondern auch mit der Prostitution des Intellekts, des Geistes, selbst der Seele. Längst sind die Leute daran gewöhnt, jede Grenze zu überschreiten.

Er führt mich vor die Antigua Cárcel, den alten, kolonialen Kerker. Ich mache ihm klar, dass ich ihn nicht davor fotografiere. Zu abgeschmackt. Er lacht und greift nach den Stäben, er drückt sein Gesicht gegen das Gitter - von außen. Auf der Rückfahrt nach Vedado müssen wir noch einmal anhalten, weil Ángel Nüsse und Mandeln kaufen will. Nelton sagt: "Er ist süchtig danach." Als Ángel zurückkommt, hält er die weißen, spitz zulaufenden Schreibpapiertüten wie einen Blumenstrauß in der Hand. An deiner Stelle wäre ich nicht so vergnügt, sag ich. Die Tüten könnten aus deinem letzten Manuskript gefertigt sein.

Zurück in Berlin, rufe ich Amir an. Er sagt: An diesem Montag ist es Ángel gelungen, alle Formalitäten zu erfüllen. In zehn Tagen kann er seinen neuen Reisepass abholen.