Literarisches Festival Die Zungen von Berlin

Stadtsprachen heißt ein neues Festival in der Literaturstadt Berlin. 500 Schriftsteller fremder Zunge soll es hier geben, in mehr als 120 Sprachen schreiben sie. Zu Beginn des Events wurde sprachlich kräftig geloopt.

Von Tobias Lehmkuhl

Vladimir Nabokov hat in Berlin mehrere Romane geschrieben, Jeffrey Eugenides immerhin einen, Imre Kertész ist in Berlin gestorben und Bora Ćosić lebt schon lange hier. Auch von manchem türkischsprachigen Schriftsteller weiß man in der Hauptstadt. Aber wer hat an die Vietnamesen gedacht? In der ehemaligen DDR bildeten sie immerhin die größte Migrantengruppe, und auch heute noch dominieren sie, so scheint es zumindest, die Gemüse- und Blumenläden im Osten der Stadt. Aber vietnamesische Schriftsteller? Offenbar gibt es sie, und einen bedeutenden vietnamesischen Exilverlag dazu.

So erzählte es Martin Jankowski von der Berliner Literarischen Aktion bei der Eröffnung des Stadtsprachen-Festivals am Freitagabend. Es ist das erste Festival dieser Art in Berlin, widmet sich ausschließlich den hier ansässigen Autoren, die in fremden Sprachen schreiben - allerdings nicht jenen, wie Jankowski sagte, die nur aus Hipstergründen für ein halbes Jahr an die Spree ziehen.

Fast ein Drittel der Berliner hätte inzwischen einen sogenannten Migrationshintergrund, da sei es doch seltsam, dass man auf den Berliner Bühnen und in seinen Literaturhäusern fast ausschließlich deutschsprachige Literatur zu hören bekomme. Die mehr als 120 Sprachen aber, die in der Stadt gesprochen würden, kämen praktisch nicht vor im Kulturbetrieb.

In der "Language Factory" arbeiten vier Dichter an einem gemeinsamen Gedicht

So dachten es sich auf jeden Fall die Initiatoren des Festivals, ein Zusammenschluss verschiedener freier Literaturinitiativen, unter ihnen das Kreuzberger Literaturhaus Lettrétage, das Künstlernetzwerk KOOK, die deutsch-französische Literaturzeitschrift La mer gelée, der Projektraum ausland oder das "mobile" Literaturfestival Latinale.

Mehr als fünfhundert Schriftsteller fremder Zunge soll es in Berlin geben, und ein nicht geringer Teil von ihnen wird im Verlauf des bis nächsten Sonntag währenden Festivals auftreten. Allerdings kaum je, und das macht dieses ohnehin schon unkonventionelle Event noch einmal besonders reizvoll, in Form klassischer Lesungen, sondern in dialogisch ausgerichteten Veranstaltungen und Workshops.

Da geht es dann auf einem Symposium beispielsweise um den poetischen Umgang mit Hybridsprachen und Interlingualität, während unter dem Titel "The Language Factory" vier Dichter unterschiedlicher Herkunft eine Woche lang zusammen an einem gemeinsamen Gedicht arbeiten. Daneben werden bestimmte Regionen in den Blick genommen ("Berlinasia", "Afroberlin"). "Global & Beta" schließlich widmet sich einer ganz besonderen Sprache: dem E-Book-Code. Schon jetzt ist vom Berliner mikrotext Verlag ein Reader zu diesem Thema kostenlos online gestellt worden. Die Diskussion von "Global & Beta" soll anschließend schnell transkribiert und dem elektronischen Buch hinzugefügt werden.

Schon der Eröffnungsabend war denkbar abwechslungsreich gestaltet: Die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo hielt eine zweisprachige Rede, Martin Jankowski und die ukrainischstämmige, auf Russisch schreibende und in Berlin lebende Autorin Julia Kissina befragten Bora Ćosić zu seinem Roman "Die Tutoren", aus dem der Autor auf Serbisch las, bevor auf Deutsch eine Passage zu Gehör gebracht wurde - die sich dann passenderweise an die Ordnung von Wörterbüchern anlehnte. Zwei junge südafrikanische Sängerinnen sorgten für Musik und zum Schluss gab es eine Performance der ungarischen, inzwischen auf Deutsch schreibenden Dichterin Kinga Tóth. Einzelne Wort- und Lautpartikel wurden hier im Loop-Verfahren zu Klanggebilden aufgeschichtet, die dann mit dem Satz endeten: "Wir bauen eine Stadt."

Das ist zwar ein leicht korrumpiertes Palais-Schaumburg-Zitat, passt aber sehr gut auf dieses originelle Sprachen-Festival - das übrigens nicht jährlich stattfinden soll. "Da ist uns", heißt es im Festivalprogramm, "die Routine anderer Kulturprojekte in dieser Stadt deutliche Warnung."