Liederabend In Liebe entflammt

Sehnsucht und Verzweiflung, treusüße Liebe und viel Mut - Christian Gerhaher findet in der "Magelone" große Menschheitsthemen.

(Foto: Wilfried Hösl)

Christian Gerhaher und Ulrich Turkur mit Brahms' "Schöner Magelone"

Von Egbert Tholl

Das Nationaltheater nur mit Stimme und Klavier bis auf den letzten Platz zu füllen, so dass vor dem Gebäude Menschen mit flehendem Blick und "Suche Karte"-Schildchen stehen, das gelingt nicht vielen, aber diesen beiden, Christian Gerhaher und Gerold Huber. Dabei führt das symbiotische Musikerduo hier einen Zyklus auf, der zwar sicherlich nicht unbekannt ist, aber keineswegs zum Standard-Programm der Liedkunst gehört, Brahms' "Die schöne Magelone". Der Zyklus ist lang, und er ist seltsam.

Zwischen 1861 und 1869 vertont Johannes Brahms 15 der 18 Gedichte, die Ludwig Tieck etwa 70 Jahre zuvor in seine "Wundersame Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter aus der Provence" eingestreut hat. Die Geschichte ist ein süßer Ritterroman im französischen Stil, weitschweifig, verträumt, reizend, harmlos. Das war Brahms zunächst aber egal, er nahm die Gedichte als eine Sammlung romantischer Stimmungen, löste diese Reflexionen aus dem Kontext, der sie evoziert, und schuf einen Zyklus, der für sich stehen sollte. Sehr bald jedoch kam bei Brahms' Zeitgenossen schon der Wunsch auf, den Liedern zumindest einen Teil des Zusammenhangs der Erzählung mitzugeben, obwohl Brahms seinen Zyklus als davon autonom begriffen hatte. Doch der Komponist fügte sich gern darein, Tiecks Text wurde gestrafft, und eine Art Mini-Musiktheater entstand, das für die Zuhörer ein reizendes Erlebnis ist, auch wenn man den Eindruck hat, man könnte die Gefühlswelten der Lieder auch ohne erzählerische Bedienungsanleitung gut durchschreiten.

Vor kurzem, als wollte er sich ein eigenes Geburtstagsgeschenk und mal wieder ein kleines Stil-Experiment machen, nahm sich Martin Walser des Textes an, straffte ihn weiter und nahm ihm einen Teil des Ballasts von 200 Jahren, ohne auf den liebreizenden Märchenduktus zu verzichten. Zusammen mit Gerhaher und Huber nahm er den Zyklus samt Text auf CD auf, nur auf Tour geht er damit nicht: Die Rolle des Sprechers übernimmt im Nationaltheater Ulrich Tukur mit amüsierter Liebeswissensweisheit, was dem Text hervorragend steht. Graf Peter aus der Provence will in die Welt hinaus, sieht in Neapel die Königstochter Magelone, er entflammt, sie entflammt, doch ihr Vater hat einen anderen Bräutigam im Sinn, Peter gewinnt ein paar Turniere, es hilft nichts, die beiden fliehen. Auf der Flucht spielen drei Ringlein von Peters Mutter beziehungsweise deren zeitweiliger Verlust eine Rolle - kein Märchen ohne Ringlein! -, Peter wird im Sturm aufs Meer hinaus getrieben, Magelone sitzt auf einem Baum, es folgen exotische Volten und ein glückliches Ende.

In diesem Kontext formulieren Gerhaher und Huber die unabdingbare Größe der Gefühle, Sehnsucht und Verzweiflung, treusüße Liebe und viel Mut. Sie bewegen sich Richtung Schubert und bleiben doch gerade noch im Licht des Märchens, auch weil Tukur stets mit zwinkerndem Schalk die Dimensionen zurechtstutzt. Man hat den Eindruck, Gerhaher freue sich an Tukur als Bewahrer einer poetischen Fröhlichkeit, er rezitiert zwei nicht von Brahms vertonte Gedichte selbst, klingt dabei wie Oskar Werner, es ist also wunderschön: "Treue Liebe dauert lange, überlebet manche Stund'".