Liebesroman Die Kunst der Fuge

Die Heldin legt sich eine Theorie zurecht, um das eigentlich Unerträgliche - die vielen Liebschaften des Geliebten - in eine Romanze umzuformatieren.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Hohe Töne, tiefes Leid: Johanna Adorján schickt in ihrem Roman "Geteiltes Vergnügen" eine welterfahrene Journalistin in die Abwärtsspiralen der Selbstaufgabe.

Von Hilmar Klute

In den Achtzigerjahren, die von der Zeit, in der Johanna Adorjáns Roman spielt, ähnlich weit entfernt liegen wie New York von München, damals also lasen viele in Deutschland Christoph Meckels Erzählung "Licht". Es war die Geschichte eines Mannes, der aus einem zufällig ins Herbstlaub gewehten Brief erfährt, dass seine Freundin eine Liebschaft zu einem anderen Mann unterhält. Und dann folgte ein irrsinnig schöner und schrecklicher Monolog, der um die große Frage kreiste, wie viel Freiheit man einem geliebten Menschen zubilligen muss und wie viel Leid man sich selbst dabei zufügen darf.

Johanna Adorjáns Roman "Geteiltes Vergnügen" ist auch so eine Geschichte über die Grenzen der Liebe und des Erträglichen, diesmal mit umgekehrten Rollen. Sie handelt von Jessica, die wie die Autorin Journalistin ist - Johanna Adorján schreibt für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jessica lernt in München den amerikanischen Geiger Tom kennen, einen wankelmütigen Typen, der sich tagelang nicht meldet, dann wieder fantastische Liebesnächte mit Jessica verbringt, bevor er erneut in die Unerreichbarkeit verschwindet. In all dieser Wirrnis beginnt Jessica damit, das eigentlich Unerträgliche mit einer Art Theorie der Wahrhaftigkeit in eine Romanze umzuformatieren. Sie sagt: eine Liebe, die auf Zufall und Unverbindlichkeit gebaut ist - um wie vieles ehrlicher und beglückender sei sie doch als all die abgenutzten Beziehungen von Menschen, die nur zusammenbleiben, damit sie nicht alleine sind. So legt Jessica sich das zurecht. Und gleichzeitig weiß sie doch, dass das Wissen um Toms andere Liebschaften, allen voran die mit seiner Ex-Freundin, die ebenfalls Jessica heißt, sie zerstören wird.

Jessica hat - wie die meisten Menschen, die weit jenseits der dreißig sind - eine eigene Geschichte, in der in ihrem Fall zwei Fehlgeburten und eine Reihe eher missglückter Liebschaften vorkommen; die allmähliche Entfremdung von den Eltern dürfte eine weitere Normalie im allgemeinen Fremdfühlen sein. Toll übrigens, wie Adorján gewissermaßen zur Fallhöhenauspendelung ein Restaurant-Abendessen mit einem elenden Schwätzer und Gimme-Five-Trottel schildert: "Von allen Dialekten, die er konnte, machte ihm Fränkisch am meisten Spaß." Man spürt lesend die Folter der Fremdscham.

Sind "a couple of days" exakt zwei oder doch einige Tage?

Aber dann tritt dieser promiskuitive Tom in ihr Leben, dessen Mutter Jill Bachner Natanson für den New Yorker schreibt und schon seit Längerem eine Lieblingsautorin von Jessica ist. Welt- und lebensgewandte Leute haben übrigens immer einen Lieblingsautor beim New Yorker, aber das soll erst einmal reichen als ironische Volte. Denn Johanna Adorján erzählt diese Geschichte einer sich schlimm verwickelnden Leidenschaft so unaufgeregt, wie es bei diesem Thema irgend geht, ohne die Dramatik der Handlung zu gefährden.

Wie sie die kleinen Schritte hin zur Selbstaufgabe schildert; wenn sie zum Beispiel die welterfahrene Jessica mit Selbstbetrug-Vorsatz im Wörterbuch nachschauen lässt ob "a couple of days"ein Paar, also exakt zwei, oder ein paar Tage, also eher mehrere Tage bedeutet, in denen sie ihren Tom nicht sehen darf. Und wie sich die Fremdheit bis in die Beschreibungen des Intimlebens schleicht, denn wie erbärmlich klingt ein Mann, der einer Frau sagt, es gehe beim Sex eher "um den Flow". Das sei das erste Dumme gewesen, was sie ihren Tom sagen hörte. Das muss man als Romanautorin erst mal hinbekommen: eine Männerfigur mit Geheimnis und Anziehungskraft ausstatten, um sie im Laufe der Geschichte ganz langsam und ohne grelle Töne zu entzaubern.

Johanna Adorján hat selbst bemerkt, was sie da an feinem Dekonstruktivismus anstellt, und ein schönes poetologisches Bild für ihre Geschichte gefunden. Die sei nämlich wie eine Orgel-Fuge von Bach: "Bei der die rechte Hand eine Melodie spielt, dann kommt die linke hinzu, aber ganz egal, was die hohen Töne machen, ab einem bestimmten Zeitpunkt liegt darunter, von den Pedalen gespielt, eine viel tiefere, mächtigere Melodie."

Eine egomanische Leidenslust erfasst den Geliebten

Tom führt Jessica in seinen Freundeskreis ein, sie lernt den abgewrackten Komponisten Claudius kennen, dessen müde Gruppensex-Anwandlungen sie zweifelnd mitmacht, aber nur, um Tom zu gefallen, der wiederum nichts honoriert, was Jessica ihm zuliebe tut. Die beiden versuchen, Gemeinsamkeit zu organisieren, einmal fahren sie zusammen in die Gedenkstätte von Auschwitz, und jetzt bekommt man wieder ein bisschen Mitleid mit der Autorin, denn, bitte, wie soll man denn einen Auschwitz-Besuch beschreiben? Adorján braucht dafür eigentlich nur diesen Satz: "Als ich im Inneren einer der Baracken auf einer Wand einen deutschen Satz las, 'Sei ruhig!', musste ich mich fast übergeben."

Irgendwann erkrankt Toms Mutter an einem Hirntumor, und das ferne Leiden der Frau in New York wird zum gemeinsamen Erlebnis der getrennt voneinander agierenden Liebenden. Nach dem Tod der Mutter sehen sie sich wieder. Aber jetzt ist alles noch viel trostloser in dieser egomanischen Leidenslust, mit der Tom sich als unabhängiger Sonderling empfiehlt. Johanna Adorján weiß, welche Fallstricke eine derart subjektive Erzählerposition birgt; deshalb schickt sie immer wieder Freunde und Bekannte von Tom auf den Plan, die ihr die Augen öffnen, wie Alicja, die selbst Opfer von Toms und Claudius' Besessenheiten geworden ist.

"Geteiltes Vergnügen" ist auch so ein irrer, trauriger Monolog über das Leid der Hingabe geworden wie Christoph Meckels berühmte Novelle "Licht". Die endet in einer grellen finalen Katastrophe. Johanna Adorjáns Roman, das darf man verraten, weil es nichts verrät, endet mit der schlimmsten Katastrophe überhaupt: dem Sieg der Traurigkeit über die Liebe.

Johanna Adorján: Geteiltes Vergnügen. Roman. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2016. 204 Seiten, 19,90 Euro. E-Book 15,99 Euro.