Libyen: Gaddafis Gedankenwelt Flucht in die Hölle

Weniger bekannt ist, dass Gaddafi in seinem 2003 erschienenen Büchlein "Isratin - Das Weiße Buch" quasi nebenbei eine überraschend friedfertige Lösung des Nahost-Problems dargelegt hat. Isratin ist eine Verquickung von "Israel" und "Filastin" (arabisch für Palästina). Der Titel "Das Weiße Buch" lehnt sich an historische "Weißbücher" zu Palästina an. Gaddafi weist in der Einleitung in bekannter Bescheidenheit darauf hin, dass "jeder von diesem Buch abweichende Vorschlag in jeder Weise ungeeignet" wäre. Doch wer Gaddafi bisher als Unterstützer militanter palästinensischer Gruppierungen kannte und erwartet, der Autor würde einen bewaffneten Kampf gegen Israel propagieren, liegt falsch.

Der Verfasser macht in "Isratin" zunächst einen Schwenk ins Alte Testament, um zu belegen, dass Palästina historisch von vielen verschiedenen Völkern bewohnt wurde. Daher gelte: "Historisch gesehen kann niemand behaupten, das Land gehöre ihm allein. Es besitzt zudem auch keine Gruppierung lediglich Anrecht auf einen Teil Palästinas unter Ausschluss des Restes."

Dass die Gründung eines jüdischen Staates auch auf europäischen Antisemitismus zurückzuführen war, gesteht Gaddafi zu. Doch auch wenn Palästina nicht notwendigerweise das Land gewesen sei, in dem diese Staatsgründung zu vollziehen war, fordert er in seinem Buch implizit die Anerkennung Israels, auch wenn er nur vom "sogenannten Staat Israel" spricht.

Hat Gaddafi etwas gegen Juden? Nein, würde man sagen, wenn man liest: "Die Juden sind eine glücklose Gemeinschaft. Sie erlitten seit alters viel Unheil von Seiten der Herrscher, von Regierungen und von anderen Völkern." Doch Gaddafi kennt auch den Grund dafür: "Es ist dies der Wille Gottes, wie er im Koran erwähnt ist, seit der Zeit des ägyptischen Pharaos und des Königs von Babylon (...) Sie waren allen Arten von Unterdrückung durch die Ägypter, die Römer, die Engländer, die Russen, die Babylonier und die Kanaaniter ausgesetzt. Dazu kam das, was ihnen unter Hitler angetan wurde." Gott wollte es eben so.

Zwischen Arabern und Juden aber, so Gaddafi weiter, bestehe "keinerlei Feindschaft", sie hätten historisch immer "in Frieden und Freundschaft" gelebt - weshalb die Lösung in einem Staat für Juden und Palästinenser liege: Isratin.

Den tiefsten Einblick in Gaddafis Psyche gibt allerdings ein literarischer Text aus seinem 1993 erschienenen "Geschichten"-Band: "Die Flucht in die Hölle" wirkt wie das Selbstgespräch eines träumenden oder hypnotisierten Autokraten, der seinen Urängsten vor den Volksmassen freien Lauf lässt: "Die Tyrannei eines Einzelnen ist die schändlichste aller Tyranneien, doch der Despot ist ein Einzelner, den die Gemeinschaft beseitigen kann (...) Die Tyrannei der Massen dagegen ist die brutalste Art von Tyrannei, denn wer kann sich allein gegen den reißenden Strom, gegen die blinde, umfassende Macht stellen?"

Prophetisch und entlarvend wirken solche Sätze, ebenso wie dieser: "Ich liebe die Massen wie meinen Vater, und ich fürchte sie, wie ich ihn fürchte." Im Weiteren beklagt er sich über die Maßlosigkeit seiner Untertanen, die dauernd verlangen, ihr Führer möge ihnen Häuser und Straßen bauen. "Diese Massen, die nicht einmal barmherzig zu ihren Errettern sind, ich glaube, sie verfolgen mich, verbrennen mich. Selbst wenn sie klatschen, habe ich das Gefühl, dass sie mit dem Hammer schlagen." Dabei sieht der Erzähler sich selbst als "armen, herumschweifenden Beduinen, der nicht einmal eine Geburtsurkunde hat".

Zutiefst gespaltene Person

Das Leiden des Herrschers, der nun tadelnd zum Volk spricht, hat viele Gesichter: "Warum raubt ihr mir meine Ruhe? Ja, ihr nehmt mir sogar die Möglichkeit, durch eure Straßen zu gehen. Ich bin ein Mensch wie ihr. Ich liebe Äpfel. Warum lasst ihr mich nicht auf den Markt gehen? Warum gebt ihr mir keinen Reisepass? Aber was soll ich mit einem Reisepass? Es ist mir untersagt, aus touristischen Gründen oder um mich behandeln zu lassen, auszureisen. Nur wenn ich mit einer Mission beauftragt werde, darf ich ausreisen."

Daher beschließt der Staatenlenker, in die Hölle zu fliehen. Die Hölle, so der (auf Dantes Spuren?) träumende Gaddafi, ist eine Zuflucht, die besser ist als das Erdenleben: "Alles um mich herum verschwand, außer mir selbst. Meiner eigenen Existenz wurde ich mir bewusster als an jedem anderen Ort und zu jeder anderen Zeit." In seinen Visionen wird er hier eins mit seiner Seele, "nicht weil meine Seele außerhalb von mir gewesen wäre, sondern weil mir eure Hölle nicht die Gelegenheit gegeben hat, mit meiner Seele je allein zu sein."

Vielleicht sind die Angriffe gegen das aufbegehrende Volk heute Gaddafis Rache an jenen Untertanen, die er schon immer für undankbar und tyrannisch gehalten hat. In jedem Fall aber sind solche literarischen Texte vielschichtiger und lebendiger als die politischen Abhandlungen des Herrschers.

Gaddafis Schriften spiegeln eine zutiefst gespaltene Person, die sich nie entscheiden konnte, ob sie Weltenlenker oder Dorfbeduine, Revolutionstheoretiker oder Literat sein wollte - daher wohl auch seine abwechslungsreiche Kostümierung. Dieser Mann will alles gleichzeitig sein und können. Doch wenn ein Herrscher anfängt, das von sich selbst zu glauben - dann bleibt seinem Volk nur die Rebellion.

Dr. Günther Orth ist Übersetzer und Dolmetscher für Arabisch. Er lebt in Berlin.

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