"Leviathan" im Kino Hiobs Traum

Gestrandet - Nikolais Sohn Roma (Sergej Pokhodaev) bleibt allein zurück.

(Foto: Wild Bunch)

Andrej Swjaginzews Film "Leviathan" zeichnet ein packendes Bild der russischen Gegenwart, komisch und verzweifelt zugleich. Dafür wird er im Westen gefeiert - und von Russlands Regierung gerügt.

Von Tobias Kniebe

Am Ortsausgang liegt das Gerippe eines Wals. Es ist einfach da, wenn man zur Bucht hinuntergeht, am Rand der Brackwassers. Seine wuchtigen weißen Knochen, halb in Sand und Schlick versunken, prägen das zentrale Bild von Andrej Swjaginzews "Leviathan" - vielleicht auch deshalb, weil sie eine Art Gerüst bilden für die Ideen, die diesen bemerkenswerten Film dann antreiben.

Denn dort oben im Nordwesten Russlands, an der Küste der Barentssee, herrscht Überlebenskampf. In der Natur sowieso, aber auch in der Gesellschaft. Wenn du ein Wal bist, bleib weg von der Küste, und wenn du ein Mensch bist, bleib weg von der Macht. Sonst wirst du stranden, und die Mühe, deinen Kadaver wegzuräumen, wird sich niemand machen. Selbst wenn du jahrelang am Ortsausgang vor dich hinrottest.

Wobei die Natur hier sehr schön ist, wild und erhaben. Gleich zu Beginn sieht man mächtige Wellen brechen, zu Klängen von Philip Glass. Und Nikolai Sergejew, der Automechaniker, hat einen herrlichen Blick auf die Bucht, gleich bei der Brücke, in einem einfachen, aber sehr komfortablen Holzhaus, das er selbst gebaut hat. Er könnte ein zufriedener Mann sein: kräftig, trinkfest und krisensicher in seinem Handwerk, das immer gebraucht wird, egal was passiert.

Im Stiernacken Putins Porträt

Zwar ist die Frau, mit der er einen Sohn hat, schon vor Jahren gestorben. Aber er hat wieder geheiratet, eine jüngere, Lilia. Sie war mal die Schönheit des Städtchens, das kann man noch sehen, auch wenn die Arbeit in der Fischfabrik ihr in letzter Zeit etwas zusetzt. Der Sohn, fünfzehn Jahre alt, akzeptiert sie nicht wirklich als Mutter, aber das sind so die Probleme, die man als Mann eben hat.

Wäre da nicht dieser Blick auf die Bucht, der ein bisschen zu schön ist, muss man wohl sagen. Nikolais Grundstück hat jedenfalls das Begehren des Bürgermeisters geweckt, der ein fetter, schwitzender, stiernackiger Machtmensch ist - wie man sich einen russischen Funktionär eben so vorstellt. An der Wand direkt hinter ihm hängt ein Porträt von Wladimir Putin. Unergründlich und verschlagen schaut Putin auf den Bürgermeister herab, und dieser schaut unergründlich und verschlagen auf seine Gemeinde. Jedenfalls will er bauen auf dem Grundstück, er hat große Pläne. Also muss Nikolai vertrieben werden - für eine lächerliche Entschädigung.

Die erste größere Aktion des Films ist die Urteilsverkündung in dem Prozess, in dem Nikolai sich wehrt. In zwei Instanzen, das wird dabei klar, hat er bereits verloren, dies ist die dritte und letzte. Die Richterin verliest das Urteil in Rekordgeschwindigkeit, die fette, schwitzende Staatsanwältin schläft dabei fast ein. Es werden eine Menge Paragrafen der Russischen Föderation zitiert, die es bestimmt sogar gibt - doch Nikolais Niederlage steht längst fest.

Wer die Macht hat, hat auch Recht

Verstörend ist dabei nicht die Idee, dass Russland kein Rechtsstaat ist. Wen sollte diese Erkenntnis schocken? Verstörend ist die Routine dieser Simulation - die furchtbare Langeweile der Offiziellen in der Exekution eines Verfahrens, das die Betroffenen noch einmal verhöhnt und immer zum selben Ergebnis führt: Wer die Macht hat, hat auch das Recht auf seiner Seite, und am Ende den Besitz.

In den einzelnen Figuren geht das bis an der Grenze der Karikatur, aber es ist auch sehr komisch. So sieht man die Russen weltweit gern, was ohne Zweifel dazu beigetragen hat, dass "Leviathan" im Westen schon einige Akkoladen einsammeln konnte: Bestes Drehbuch in Cannes, ein Golden Globe in Hollywood, eine Oscarnominierung - plus ein seltenes 99 Prozent-Positiv-Ranking auf der Filmkritik-Übersichtsseite Rotten Tomatoes.