Letztes Pink-Floyd-Album "The Endless River" Wenn alte Männer meditieren

Schon am Cover scheiden sich die Geister: Fieser Kitsch oder passend für ein dahinplätscherndes Album ohne echten Spannungsbogen?

(Foto: AP)

In ihrer fast 50-jährigen Bandgeschichte haben Pink Floyd unzählige Klassiker veröffentlicht - "The Dark Side Of The Moon" etwa oder "The Wall". Nun kommt "The Endless River", es soll das letzte Album sein. Leider ist es eine herbe Enttäuschung.

Von Felix Reek

Leicht gemacht haben es sich Pink Floyd mit "The Endless River" nicht. Vor 20 Jahren erschien das letzte Album "The Division Bell". Eine solche Zeitspanne setzt den Nachfolger automatisch unter Druck. Dass Pink Floyd einige der größten Alben der Popgeschichte veröffentlichten, macht es nicht besser. Und zu verkünden, dass "The Endless River" definitiv das letzte Werk der Bandgeschichte sein wird, treibt die Erwartungen endgültig ins Unermessliche.

Die schlechte Nachricht gleich vorneweg: Pink Floyd können sie nicht erfüllen.

Im Interview mit der Welt hatte Schlagzeuger Nick Mason kürzlich erklärt, das nun veröffentlichte Material seien Improvisationen aus den Sessions zu "The Division Bell". Ursprünglich habe man ein Doppelalbum veröffentlichen wollen, halb mit Gesang, halb instrumental. Das Konzept wurde verworfen, die zweite Seite für 20 Jahre vergessen. Erst die Archivarbeit einiger Produzenten und Toningenieure, darunter auch Ex-Roxy-Music-Mitglied Phil Manzanera, förderten die Aufnahmen wieder zutage. Das weckte das Interesse der beiden verbliebenen Mitglieder David Gilmour (Gitarrist und Sänger) und Nick Mason (Schlagzeug).

Als eigenständiges Album funktioniert "The Endless River" nicht

Die Bruchstücke der Sessions schnitt man aufwendig auf Gilmours Hausbootstudio auf der Themse in London neu zusammen und spielte zusätzliche Instrumente ein. Auf Gesang wurde bis im abschließenden Song "Louder Than Words" verzichtet.

Pink Floyd 2014 sind also vor allem Pink Floyd 1993. Und da liegt vielleicht auch schon das ganze Problem von "The Endless River": Wäre das Album als Bonus-CD zum 20-jährigen Jubiläum von "The Division Bell" erschienen, es wäre wenig daran auszusetzen gewesen. Ein nettes Gimmick für die Fans. Als eigenständiges Album, als letztes einer einzigartigen Karriere, ist es eine herbe Enttäuschung. "The Dark Side Of The Moon", "Animals" und "The Wall", das ist der Maßstab, an dem sich die Briten messen lassen müssen.

"The Endless River" kann dagegen nicht bestehen. Kritiker der Band mag das nicht verwundern, für sie endet die kreative Phase der Band wahlweise mit dem Abgang von Sänger und Gitarrist Syd Barrett 1968 oder dem von Bassist Roger Waters, der Pink Floyd 1985 im Streit verließ.

Kitschiges Cover zu esoterischen Klängen

Das letzte Album der Briten ist so vor allem das Werk Gilmours und Masons, die 20 Stunden Sessionmaterial um die Keyboardparts des 2008 verstorbenen Rick Wright arrangierten. Das führt dazu, dass "The Endless River" über weite Strecken wie eine Meditations-CD klingt.

Dazu passt das kitschige Cover des jungen Ägypters Ahmed Emad Eldin, das an eine Szene aus "Life Of Pi - Schiffbruch mit Tiger" erinnert. Ein Mann gleitet über Wolken in den Sonnenaufgang. Oder Untergang. Bei Spiegel Online fand man das so scheußlich, dass ihm gleich ein eigener Verriss gewidmet wurde. Doch es passt irgendwie zum Album, das eher so dahinplätschert, als eine wirkliche Dramaturgie zu besitzen.

"Things Left Unsaid" gleitet über in "It's What We Do", die schwebenden Keyboards Rick Wrights treffen auf Gilmours flirrende Gitarre. Aus klangästhetischen Gründen ist hier sicher nichts auszusetzen. Eine Platte von Pink Floyd klingt noch immer um Längen besser als jede andere. Nicht ohne Grund galt "The Dark Side Of The Moon" über Jahrzehnte als Referenz, um die Qualität von Hi-Fi-Anlagen zu testen. Und es schmerzt, das sagen zu müssen - aber ein Song wie "Anisina" mit seinem Fahrstuhl-Saxofon könnte auch ohne weiteres in einer Episode von "Das Traumschiff" laufen, ohne aufzufallen.

In einem Boot über den Wolken

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Das große Ganze fehlt

Kommt tatsächlich mal so etwas wie Spannung auf, etwa im Trio "Allonsy-Y (1), "Autumn '68" und "Allonsy-Y (2)", zitieren Pink Floyd nur sich selbst, in diesem Fall ihren Hit "Another Brick In The Wall". Wo ein Lied anfängt und das nächste aufhört, ist kaum auszumachen. Neun der 18 Songs sind unter zwei Minuten. Zwischenstücke gab es bei Pink Floyd schon immer, doch sie verbanden, komplettierten das Gesamtkunstwerk. Hier fehlt das große Ganze. Selbst bei den Namen der Stücke hat man sich keine große Mühe gegeben. "Talkin' Hawkin" heißt so, weil Physiker Stephen Hawking darauf spricht.

Vielleicht ist das der größte Kritikpunkt an Pink Floyds "The Endless River": Die mangelnde Lust, aus dem durchaus potenten Material ein wirkliches Album zu formen. Noch einmal als Einheit ins Studio zu gehen. Die alten Differenzen mit Roger Waters zu begraben, um etwas Essenzielles zu schaffen.

Dass es das ist, worum es wirklich geht, weiß die Band offenbar allzu gut. Der letzte Song klingt wie ein Friedensangebot an Waters: "We bitch and we fight. But this thing that we do. It's louder than words. The sum of our parts. The beat of our hearts. It's louder than words." Das Kämpfen und Streiten ist nicht das, worauf es ankommt. Es ist die Musik. Das große Ganze. Es ist lauter als Worte.