Nachgelassenes Werk von Günter Grass Sein letztes Buch ist geradezu versöhnlich

Ein letztes Mal griff Günter Grass zur Feder und schrieb "Vonne Endlichkait", es erscheint nun, wenige Monate nach seinem Tod. Das Werk zeigt Humor.

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Viele nahmen ihm sein Israel-Gedicht übel, doch nun gibt es ein allerletztes Werk von Günter Grass, erschienen nach seinem Tod: "Vonne Endlichkait" ist nicht moralisierend, sondern ungewohnt selbstironisch.

Von Burkhard Müller

Als Günter Grass im April hochbetagt starb, da hätte man aus den erschütterten und einhellig ehrfürchtigen Reaktionen nicht erraten können, wie umstritten der Schriftsteller zuletzt gewesen war. Grass hatte, so empfand man es, seine in langen Jahrzehnten erworbene Geltung missbraucht, um der Öffentlichkeit fragwürdige Privatmeinungen aufzuzwingen, und war dabei auch vor emotionaler Erpressung nicht zurückgeschreckt.

"Mit letzter Tinte" habe er diese Zeilen geschrieben, hieß es in seinem Israel-Gedicht "Was gesagt werden muss", was ja nichts anderes hieß als: Es wäre pietätlos, diese Worte, hervorgebracht mit einem äußersten noch möglichen Kraftaufwand, zu ignorieren. Viele nahmen ihm das übel, zu Recht.

Hier spricht der sterbliche Mensch Grass

Wie sich nun herausstellt, waren es doch keine letzten, sondern vorletzte Worte gewesen. Die letzten, offenbar noch von ihm selbst in die vorliegende Form gebracht, erscheinen jetzt. Sie tragen den sehr grassischen Titel "Vonne Endlichkait", Endlichkait mit ai, damit der Leser unter dem Schriftbild die breite Mundart der verschollenen Heimat im äußersten Nordosten spürt.

Dieser kaschubische Partikularismus hatte Grass viele Anfeindung eingebracht, vor allem da, wo er sich mit einem gewissen Starrsinn verband. Nun wirkt es ganz natürlich, dass einer am Ende seines Lebens an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt, um sich in der redensartlichen Weisheit seiner Ahnen Trost zu holen vor dem Unausweichlichen, das er ganz allein wird durchmachen müssen, und zwar bald.

"Nu war schon jewäsen", beginnt dieser allerletzte Text, den man sich scheut, ein Gedicht zu nennen, "Nu hat sech jenuch jehabt. / Nu is futsch un vorbei", und so noch einige Zeilen weiter, bis es endet: "un nuscht nech iebrich / un ieberall Endlichkait sain." Diese Endlichkait gehört gewiss nicht dem aktiven Wortschatz von Grass' Vorfahren an, die mit Kartoffelanbau und Einzelhandel beschäftigt waren. Wie Grass hier versucht, ganz zum Schluss wieder in den Anfang einzubiegen, und dabei doch den Schriftsteller nicht verleugnen mag, hat etwas Rührendes.

In "Vonne Endlichkait" ist Grass keine moralische Instanz

Günter Grass amtiert nicht mehr als moralische Instanz. Das ist der überraschendste und sympathischste Zug dieses Buchs. Der Autor hat begriffen, dass ihn nicht Jahre, sondern bloße Monate vom Tod trennen, dass er all die hübschen banalen Dinge des Alltags und der Jahreszeiten in diesem Jahr vielleicht zum letzten Mal sehen wird; und es muss ihm in solcher Nähe aufgegangen sein, dass nicht der Institution GG, sondern dem Menschen Grass Endgültiges bevorsteht.

Zwar gibt es auch hier noch so einiges von dem typischen Gegrummel - was seine Ansichten zu Finanzmärkten und amerikanischen Drohnen-Angriffen betrifft, reicht es zu sagen: Er ist dagegen -, aber solche Dinge kann man bei der Lektüre leicht als nebensächlich beiseiteschieben.

Die Pfeife sah bei Günter Grass wie angewachsen aus.

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Interessanter ist das Persönliche. Seine Olivetti-Schreibmaschine bestaunen die Enkel wie einen Dinosaurier; doch wo kriegt er für den Kasten noch Farbbänder her? Auf den Flohmärkten finden sich allenfalls gebrauchte, ausgewaschene Exemplare. Da erreicht ihn aus Spanien ein ganzes Paket fabrikneuer Bänder, und angesichts der Dankbarkeit, mit der ihn dieses unvermutete Geschenk erfüllt, wird man fast erschrocken inne, wie gebrechlich dieser Mann geworden ist.

Es ändert sich manches bei ihm, dem man Veränderung nicht mehr zugetraut hätte. Grass' erotische Schilderungen hatten ja früher eher etwas Peinigendes, weil sie Intimität so prahlerisch provokativ ausstellten. Man hatte irgendwie das Gefühl, dass sie die natürliche Verschwiegenheit des liebenden Fleischs verrieten. Nun ist es umgekehrt das alternde Fleisch, das Verrat am vormals Liebenden übt. "Zwar bin ich mit gestopfter Pfeife, doch ohne Zündholz unterwegs. Oder anders gesagt: Die Potenz, dieser Wichtigtuer, hat schlappgemacht. Nur die Lust ist geblieben und tut so als ob." Da zieht in die altbekannte Schamlosigkeit dieses Autors etwas Verschämtes ein, das man nicht kannte.

Die Pfeife, die bei Grass wie angewachsen aussah, entfaltet auf einmal Ambivalenzen, die ihr früher fremd waren; und wenn ihn nachts der Ethnologe Lévi-Strauss besuchen kommt (auf das Vorrecht, mit verstorbenen Schreibkollegen von gleich zu gleich zu plaudern, verzichtet Grass auch jetzt nicht) und ihm indianische Mythen erzählt, kann sich der scheinbar eindeutige phallische Vorsprung unversehens sogar in einen glimmenden weiblichen Schoß verwandeln.