Und darin ist er eine Quelle zum Nationalsozialismus für das Jahr 2008. Nicht was er über Hitler zu sagen hat, ist von Belang. Mag sein, dass der ein oder andere Alt- und Neonazi den "letzten Zeugen" liest, um mal etwas über das Führerhauptquartier zu erfahren ohne moralische Distanzierung - Misch selbst spricht davon, dass er "rückschauende Bewertungen" habe vermeiden wollen. Aber solche Ewiggestrigen können die verkaufte Auflage nicht erklären. Was die Leser Mischs interessiert, das ist: von jemandem zu hören, der Hitler nahe war und doch wie sie.
Seltene Farbaufnahme: Rochus Misch auf Hitlers Berghof (© Foto: Misch/Das Gupta)
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Ein unpersönlicher Bestseller
Lange hat man in Deutschland das Dritte Reich mit den Augen Thomas Manns betrachtet, als Ausartung der deutschen Geschichte und namentlich ihrer romantischen Bestandteile. Joachim Fests Hitler-Biographie, das wirkungsmächtigste Buch zur Sache, folgte stark diesem Grundgedanken. Der ideologische Anteil des Nationalsozialismus, das Erlösungsversprechen, wurde hoch veranschlagt.
Die Deutschen, die dem folgten, wirkten wie Wagner-durchglühte Weltanschauungsritter. Daneben tritt seit einigen Jahren der Blick auf die materiellen Vorteile, die das Regime den Deutschen zuschob. "Hitlers Volksstaat" von Götz Aly ist der Klassiker dazu.
So materiell wusste auch der junge Misch seine Vorteile zu kalkulieren. Nicht dass das Publikum heute den Zeitzeugen zu Alys Forschungen sucht. Aber es liest von einem Deutschen im Dritten Reich, einem in Vertrauensstellung , dessen Motivation es unschwer nachvollziehen kann. Dass jemand "ruhig und sachlich" gewesen sei, das bedeutet für Misch höchstes Lob. Ruhe und Sachlichkeit sind das Gegenteil der Begeisterung oder "fanatischen Entschlossenheit", sie sind der Skepsis verwandt.
Aber sie sind auch anderes noch. In seinem Buch behauptet Misch, von den Verbrechen in den Konzentrationslagern nichts gewusst zu haben. Das muss man nicht glauben, aber es könnte stimmen. Saul Friedländer hat in seinem Werk "Das Dritte Reich und die Juden" beschrieben, dass Hitler selbst die Statistik der deportierten und ermordeten Juden nur in verhüllender Form erhalten habe. Aber verwunderlich ist weniger, dass Misch bis 1945 vieles nicht wusste oder gewusst haben will. Verwunderlich ist, dass er sich auch danach keine Gedanken macht.
Immer ruhig und sachlich
Was geht in jemandem vor, der erkennen muss, dass der "Chef", der so "normal" gewesen war, schrecklichste Verbrechen befohlen hat? In Misch scheint nichts vorzugehen, diese Frage stellt er sich nicht. Seine Frau, tüchtig und ehrgeizig, bildet sich fort, wird nach dem Krieg Lehrerin, Schulleiterin und zieht für die SPD ins Berliner Abgeordnetenhaus ein.
Mit der gemeinsamen Tochter findet Rochus Misch kein gutes Verhältnis mehr, und das liegt nicht bloß an der zehnjährigen Kriegsgefangenschaft, die viele Familien zermürbt hat. Die Tochter nimmt dem Vater auch den Dienst für Hitler übel. Es muss ständigen Anstoß gegeben haben, über die eigene Vergangenheit nachzudenken.
Und doch bringt Misch nicht zur Sprache, was es für ihn bedeutet, Leibwächter Hitlers gewesen zu sein. Immer ruhig und sachlich. Nicht persönlich jedenfalls. Ein solches Buch gehört zu den Bestsellern dieses Sommers, seit Wochen.
ROCHUS MISCH: Der letzte Zeuge. "Ich war Hitlers Telefonist, Kurier und Leibwächter". Unter Mitarbeit von Sandra Zarrinbal und Burkhard Nachtigall. Mit einem Vorwort von Ralph Giordano. Pendo Verlag, Zürich und München 2008. 336 Seiten, 19, 90 Euro.
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- Hitlers Ende "Jetzt wird der Chef verbrannt" 29.04.2005
(SZ vom 09.08.2008/sst/odg)
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"