Lesung Thunfisch retten

Autorinnen stellen Theatertexte im Achtminutentakt vor

Von Constanze Radnoti

Es beginnt mit einer normalen Werkseinführung. Wobei: Normal ist sie nicht. Der Dramaturg des Boulevard-Thrillers, der heute aufgeführt werden soll, steht zitternd auf der Bühne. Die Autorin des Stücks ist verschwunden. Was bedeutet das für die Aufführung? Bevor sich das herausstellen kann, sind acht Minuten um und Benno Heisels Zeit vorbei. Denn eigentlich war "Akt I - Die Werkseinführung" die erste von insgesamt 18 Lesungen an diesem Abend im Theater Hoch X, bei der Münchner Autoren in jeweils acht Minuten ihre Arbeiten vorgestellt haben. Die Texte sind völlig unterschiedlich: Manche haben die Autoren extra für die Lesung geschrieben, andere stammen aus längeren Theaterstücken. Manche sind ausgereift, andere noch nicht viel mehr als eine Reihe von Assoziationen. Das funktioniert nicht immer, aber wenn doch, wird aus acht Minuten ein entzückendes Theatererlebnis. Die jordanische Autorin Amahl Khouri etwa liest den Liebesbrief "Oh How We Loved Our Tuna" vor. Der ist gleichzeitig Satire, scharfe Kritik an Überfischung und wunderschön vorgetragene Geschichte, dass man am Ende gar nicht weiß, ob man dem Blauflossen-Thunfisch nun die Rettung oder sich selbst die Sushi-Rolle wünscht.

Organisiert haben den Abend die Mitglieder des "Netzwerks der Münchner Theatertexter*innen", die sich einmal im Monat treffen und ihre Arbeiten diskutieren. Nun haben sie zum ersten Mal eine Lesung veranstaltet und gezeigt, was sie beschäftigt. Da tauchen zum einen immer wieder Menschen in kaputten Beziehungen auf, die aneinander vorbeireden. Da geht es aber auch um politische Themen, Digitalisierung, Reproduktion und natürlich die Flüchtlingskrise.

Doch es sind die einfachen Geschichten, die im Gedächtnis bleiben. "Der Geist der Frau Kazumoro" etwa, eine Kurzgeschichte von Barbara Maria Messner, die von einer japanischen Pianistin handelt, und die die Autorin und Schauspielerin so angenehm vorträgt, dass sie nie enden müsste. Doch natürlich muss sie das tun, denn so ein Abend mit 18 Lesungen verlangt Autoren und Zuschauern viel ab. So manche Geschichte leidet darunter, an diesem Abend nicht die erste, nicht die einzige zu sein. Der Abend beweist aber auch, wie vielseitig die Münchner Theaterszene ist und dass man sich um ihre Zukunft nicht sorgen muss.