"Leere Herzen" von Juli Zeh Jede Gesellschaft braucht eine Dosis Amok

Juli Zeh, geboren 1974 in Bonn, ist Juristin und Schriftstellerin. Für ihr Werk wurde sie vielfach ausgezeichnet.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Juli Zeh erzählt in "Leere Herzen" von einer Zukunft zwischen digitaler Rundumüberwachung und Landhaussehnsucht - ein schwarzer Spiegel für unsere Zeit.

Von Gustav Seibt

Die Schriftstellerin Juli Zeh will uns den Spiegel vorhalten. Das ist insofern eine unriskante Behauptung, als ihr neuer Roman eine Widmung trägt, die lautet: "Da. So seid ihr." Was sehen wir in dem Spiegel?

In acht Jahren, nämlich 2025, da spielt der neue Roman, regiert eine Bundeskanzlerin Regula Freyer von der BBB, der Besorgte-Bürger-Bewegung, ihre Innenministerin heißt Wagenknecht (ohne Vorname). Angela Merkel wurde, so erfährt man gegen Ende des Romans, acht Jahre zuvor unter unerfreulichen Umständen ("Merkel muss weg!") zum Rücktritt gezwungen: Als alte Frau mit hochgezogenen Schultern habe sie die Bühne verlassen, ein jämmerlicher Anblick.

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Die BBB wurde aber durchaus demokratisch gewählt. Die "Effizienzpakete", mit denen sie seither Grundrechte abbaut und demokratische Zwischengewalten abschafft, werden im Kreis der modernen Menschen, die das Personal des Romans bilden, zwar nicht richtig gut gefunden, aber auch nicht vollkommen abgelehnt. Mit Gleichgültigkeit notiert man, dass der Laden läuft, dass überhaupt sich vieles anders entwickelt hat, als man zunächst dachte: Haben nicht Trump und Putin inzwischen einvernehmlich den Syrien-Krieg beendet? Dass es jetzt eine "Bundeszentrale für Leitkultur" gibt, dass die Energien der Gesellschaft in eine Initiative mit dem Namen "Sport ist öffentlich" gelenkt werden, stört niemanden.

Killerspiele, Ernährungsfragen und Rundumüberwachung: Das ist die Zukunft

Gedruckte Zeitungen, öffentlicher Diskurs, moralisches Engagement - alles längst von gestern. Die Menschen dieser Welt heißen Britta und Richard, Knut und Janina, ihre Kinder nennen sie Vera und Cora, das eine wird mehr musisch erzogen, das andere darf lustige Killerspiele spielen. Ernährungsfragen sind sehr wichtig. Der Haushalt ist digital und praktisch, Rundumüberwachung inbegriffen. Auch die wirtschaftliche Lage schwankt zwischen glänzend und sympathisch prekär wie heute, man hat eine gut gehende Firma oder bietet, weniger erfolgreich, Theatertexte und Bürodienstleistungen an. Start-ups schwächeln oder steigen. Kurzum, wir dürfen dem Spiegel antworten: "Ja. So sind wir."

Solche geringfügig in die Zukunft versetzten Dystopien haben ihren eigenen Reiz, weil sie vorhandene Tendenzen nur hochrechnen müssen, um einen Mix aus Wiedererkennbarkeit und dosiertem Erschrecken zu erzeugen. Wenn wir so weitermachen, lautet die Botschaft, dann landen wir bald in einer sanften Diktatur, dann wird die illiberale Demokratie auch in Deutschland heimisch, während Europa durch Frexit und Spexit weiter zerfällt. Juli Zeh hat viel Verärgerung in ihr Buch gepackt, ein Missvergnügen, das erkennbar aus der sozialdemokratischen Ecke kommt. Sympathisch.

Diese Verärgerung betrifft aber nicht nur die Politik, sondern den Lebensstil der bürgerlichen Schichten insgesamt, sie wird also kulturkritisch. Und damit sind wir beim Plot von "Leere Herzen". Dieser ist, das sei ausdrücklich versichert, über eine längere Strecke durchaus spannend, weshalb man auch nicht allzu viel davon verraten sollte, vor allem nicht den einerseits überraschenden, andererseits enttäuschenden Schluss.

Die Heldin des Romans vermittelt mit ihrer Agentur Selbstmordattentäter

Die eigentliche Hauptfigur des Romans ist Britta, eine Geschäftsfrau von gnadenloser Fokussiertheit, mit praktischer Frisur, dezenten Klamotten, Sauberkeitsfimmel, wirksam beherrschten Ängsten, die sie erfolgreich in Arbeitsethos kanalisiert, eine Karikatur der protestantischen Ethik, nur völlig glaubenslos. Brittas Geschäftsfeld sind Selbstmorde. Sie betreibt eine Praxis, namens "Brücke". Der Name ist gut gewählt, weil Selbstmörder sich von Brücken stürzen und selbst eine Brücke brauchen. Ihr Kompagnon für die IT ist ein Beinahe-Selbstmörder namens Babak, ein aus dem Irak stammender Schwuler, den sie gerettet hat, indem sie ihn mit seinem Schwulsein versöhnte und zugleich dazu brachte, sein Fettsein so wirksam zu bekämpfen, dass Babak jetzt ein erotisch befriedigendes Schwulenleben führen kann.

Daraus wurde ein Geschäftsmodell. Britta rettet Selbstmörder, und zwar durch Konfrontation, die sie in mehreren, zunehmend grausamen Stufen ihrem Todeswunsch immer näher führt, bis sie entweder zurück ins Leben finden oder aber entschlossen an ihm festhalten. Um diesen harten Kern geht es der harten Britta. Jede Gesellschaft hat und braucht eine rationale Dosis Amok, warum diesen nicht auch rational verwerten?