Von Christiane Langrock-Kögel

Coaching-TV ist eine Erfindung der Privatsender, doch auch das Öffentlich-Rechtliche lässt nun Ehen retten und Hotels sanieren. Es kümmern sich "echte Journalisten um echte Menschen mit echten Problemen".

Im Borbergbachstal in Wolfshagen im Harz steht das Hotel "Im Tannengrund". Die Matratzen waren fleckig, in den Bädern lagen die Haare der Vormieter. Die Zimmer sahen so abgrundtief bieder aus wie die vieler in die Jahre gekommenen Kleinhotels.

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Da werden Sie geholfen: Moderatorin Sabine Kühn und Anwalt Markus-Gerd Möller von "Kühn&Kollegen". (© Screenshot: www.ndr.de)

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Das Hallenbad war ein dunkel getäfelter Kelleraum ohne Fenster. Auf der Speisekarte standen Currywurst und Pute mit gebackener Banane. Die Gäste wurden immer weniger, die Besitzer standen kurz vor dem Aus.

Bis der Norddeutsche Rundfunk (NDR) dem Ehepaar Bauerochse Rettung schickte: Nämlich Uta Felgner, die Managerin eines Fünf-Sterne-Hotels in Hamburg. Frau Felgner reiste inkognito an. Dann outete sie sich und brachte den Bauerochsens freundlich, aber bestimmt vor laufender Kamera bei, dass sich in ihrem Hotel ziemlich vieles ziemlich schnell ändern müsse.

Retten Sie unser Hotel! ist das neueste Coaching-Format des NDR, der sich jetzt in dem von den Privatsendern erfundenen Genre eifrig engagiert. Anders als RTL lässt der NDR allerdings keine Handwerkertrupps anrücken, um mit einigem finanziellen Aufwand aus Bruchbuden Katalogwohnungen zu machen.

Die öffentlich-rechtliche Hoteltherapie kommt ohne die dramatischen Überspitzungen der privaten Vorbilder aus. Die Mitarbeiter schrubben die dreckigen Ecken in der Küche selbst, streichen das Hallenbad und sortieren den Nippes aus.

Gute Fee der Gebührenzahler

Drei Folgen der Hotel-Serie gibt es vorerst. Zum Start vorigen Dienstag schauten bundesweit 0,54 Millionen Menschen zu (Marktanteil 2,2 Prozent. Diese Woche läuft die zweite: Uta Felgner hat sich die "Burg-Klause" auf der Insel Fehmarn vorgeknöpft.

"Lebensberatung gehört zu unserem Auftrag, das kann man nachlesen", sagt Volker Herres, der seit vier Jahren Fernsehdirektor des NDR ist und im Herbst Programmchef der ARD wird.

Was die Privatsender jahrelang unter den Buh-Rufen von Qualitätshütern etablierten, hat sich der NDR längst zu eigen gemacht: Unter den Gebührenfinanzierten ist der Sender mittlerweile Vorreiter in Sachen Coaching-TV.

Selbst RTL, der private Coaching-König, hat nicht wesentlich mehr Beratungsshows im Angebot. Derzeit kündigen die Kölner übrigens ein neues Format an, bei dem Kritiker Heinz Horrmann (Die Kocharena) durchs Land reist und Hotels testet.

Der NDR stieg schon 2001ins Genre ein, mit Nox - Gespräche zur Nacht, einer Art Telefonsseelsorge, die sich mit nur 3,6 Prozent Marktanteil im NDR-Gebiet nicht lange hielt.

Kampf um Quoten

2005 hatten sowohl der Vier-Länder-Sender als auch RTL die Idee, einsame Bauern an die Frau zu bringen. Land und Liebe, so das NDR-Format, startete bei mehr als 10 Prozent Marktanteil im regionalen Sendegebiet, pendelte sich bei rund acht Prozent ein und endete nach Folge 18. RTL-Spitzenfolgen von Bauer sucht Frau schafften bundesweit mehr als 25 Prozent.

Etwas schlechter läuft Kühn & Kollegen, das Ombudsformat für Zuschauer, die mit Versicherungen oder Behörden zu kämpfen haben, und das seit Herbst 2007 donnerstags gezeigt wird. Da sei kein Ende in Sicht, heißt es beim NDR.

Nicht fortgesetzt hat der Sender Alles neu!, den Versuch innenarchitektonischer Rundumrenovierung, inspiriert von Tine Wittlers RTL-Einsatz in vier Wänden. Offenbar soll es öffentlich-rechtlich wirken, wenn es beim NDR nicht um die Bruchbuden von Jedermann ging, sondern zum Beispiel um den Hausaufgabenraum eines Kinderzentrums.

"Ich bin gerne vorn", sagt Programmchef Herres. Als eine Programmsäule seines Sender will er die Coaching-Formate zwar nicht bezeichnen. Aber als eine "wichtige Farbe", ja.

Er ist angetreten, um "im Dritten zu experimentieren, da kann man leichter etwas riskieren". Also hat er im Frühling mit Räum Dein Leben auf! nachgelegt und den sanften, bärtigen Psychologen Michael Thiel mit einer Innenarchitektin und einem Trödel-Experten in Familien geschickt, die dem Chaos nicht mehr Herr wurden - eine Fortsetzung ist noch ungewiss, die Quote war nicht enorm (fünf Prozent im Sendegebiet), aber Thiel hat seine Arbeit sensibel und zurückhaltend erledigt.

Mit "Helptainment" zum Erfolg

Und damit Herres scheinbar bestätigt, der abstrakt formuliert: Man müsse sich "deutlich von den Privaten absetzen". Natürlich aber liegt der Grund für den Ideenklau bei den Privaten in der Hoffnung aufs junge Publikum und gute Quoten.

Und selbst wenn man die Grenzen des guten Geschmacks bei den Öffentlich-Rechtlichen (noch) kennt, bleibt die Grundvoraussetzung aller Coaching-Formate der voyeuristische Kitzel. Den bedient auch der NDR. Die Gebührenfinanzierten hätten den Privaten immer wieder Schmuddelfernsehen vorgeworfen, und machen doch vieles nach, findet Sat 1-Infotainment-Chefin Edda Kraft.

"Hybridformate" nennt NDR-Programmbereichsleiter Jan Schulte-Kellinghaus die Coaching-Sendungen: "Das wahre Leben mit Unterhaltungsdramaturgien erzählt".

Anfang des Jahres haben ihm Medienwissenschaftler auf einer Tagung der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen Recht gegeben - dem ganzen Genre allerdings, auch den Privaten. Ein "zunehmend prekärer Alltag" vergrößere den "Bedarf an Gefühlsmanagement". Bis zu einem gewissen Grad vermittle all das Helptainment doch Orientierung.

Norddeutsche Visionäre

Andere ARD-Anstalten sind zurückhaltender als der NDR. Lebensberatung gibt es dort eher in Servicesendungen wie zum Beispiel zum Thema Gesundheit. Der Südwestrundfunk hat letztes Jahr einen Jobberater nach draußen geschickt, und plant für August eine Weiterentwicklung.

Der Westdeutsche Rundfunk aber zieht nach. Gemeinsam mit dem NDR hatte er bereits Räum Dein Leben auf! produziert und ausgestrahlt. Nun planen die Kölner für August und September zwei eigene Coaching-Formate. Die Themen sind klassisch: Inneneinrichtung und Immobilienkauf.

Der NDR geht wieder einen Schritt weiter und lädt zur Ehetherapie. Das Therapeutenpaar Christin Müller (aus der ZDF-Dokureihe S.O.S Schule) und Michael Mary (der Bestseller über Beziehung und Sexualität verfasste) versuchte, norddeutsche Paare in der Krise wieder auf Kurs zu bringen.

Mary erzählt, dass er mit seinem Konzept für eine solche Sendung lange erfolglos hausieren ging, selbst beim NDR: "Ich bin an diesen Fernsehleuten verzweifelt. Die sagten immer, das funktioniere nicht im Fernsehen."

Ob die Therapie hilft, lässt der NDR bei seiner Ehehilfe offen, ebenso wie die Frage, ob die Hotel-Rettungsaktion geholfen hat. Was neue Coaching-Formate betrifft, hält sich NDR-Koordinator Schulte-Kellinghaus genauso bedeckt. So viel nur: Man habe noch was in der Pipeline.

Retten Sie unser Hotel!, NDR, Dienstag, 21.15 Uhr.

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(SZ vom 7.7.2008/mst)