"Leben" von David Wagner Ein fremdes Flirren

Auf der Intensivstation des Erzählens: David Wagners autobiografische Prosa "Leben" handelt von seiner Lebertransplantation. Man kann so ein Buch wohl nur einmal schreiben. Aber dass es geschrieben wurde, ist ein Glücksfall.

Von Helmut Böttiger

Dieses Buch besteht aus lauter kleinen Bruchstücken, sie sind durchnummeriert, bis hin zur Nummer 277. Aber es ist keine geregelte Reihenfolge, es geht alles wild durcheinander. Und sie werden auch noch unterbrochen durch einige kurze Einzelkapitel, "Schnee" oder "Blut" oder "Die müde Giraffe". Alles scheint vorläufig zu sein, unsystematisch. Das Buch hat keine Gattungsbezeichnung, es heißt einfach "Leben". Und tatsächlich: Es bildet das Leben in aller Form ab.

Jedes einzelne Bruchstück ist kostbar. Das spürt man intuitiv. Es sind manchmal bloß kleine Beobachtungen, aber auch Erinnerungsbilder, sorgsam gearbeitete Miniaturen. Und mitten im Buch fällt man in ein ganz tiefes Loch: zwei leere Doppelseiten, und dazwischen eine ganz in Schwarz. Es geht um Leben oder Tod. Doch obwohl David Wagner hier die Geschichte einer Lebertransplantation beschreibt, dramatische Momente der Todesnähe und des Überlebens, macht man mit diesem Buch eine ganz merkwürdige Erfahrung. Es ist mehr als die Geschichte einer Krankheit und einer tödlichen Bedrohung. Die Sprache ist nicht auf Sensationen und spektakuläre Ereignisse aus. Sie transportiert etwas ganz Anderes, und das ist es, was den Leser zunehmend beschäftigt.

Die Wörter "Leber" und "Leben" unterscheiden sich nur im letzten Aushauchen, im letzten Konsonanten. Einmal verschreibt sich der Patient auch in dieser Weise, als er eine SMS verschickt, für ihn sind die beiden Begriffe tatsächlich fast identisch. Er hat eine Autoimmunhepatitis, eine seltene Krankheit, die früher oder später zum Ausfall jenes Organs zu führen droht, und steht deshalb auf der Liste derer, die auf ein Spenderorgan warten. Als ihn mitten in der Nacht der Anruf erreicht, lehnt er ab: Er will sein Kind, das gerade bei ihm ist statt bei seiner Mutter, nicht aufwecken, fühlt sich nicht existenziell bedroht. Fünf Monate später erbricht er jedoch plötzlich Blut, und damit beginnt das Buch: die sachliche Beschreibung einer unerhörten Begebenheit, wie ein fremder Film, ohne unmittelbare Gefühlsäußerungen.

Etwas Groteskes

Es ist ein autobiografisches Buch, aber der Autor scheint sein Ich hier eher phänomenologisch vorzuführen. Es wirkt wie ein Objekt, dem unglaubliche Dinge widerfahren. Charakteristisch sind die distanzierten, unpersönlichen Wendungen, mit denen dieses Ich ins Blickfeld gerät. Einmal, die körperlichen Schmerzen nach den operativen Eingriffen sind wieder sehr groß, heißt es, selbst die Stimme der Mutter, an deren "stell dich nicht so an"er sich immer erinnert, "ist ausnahmsweise nicht zu hören". Ist nicht zu hören: das ist etwas anderes als "ich höre". Hier spricht keine selbstverständlich aus sich heraus existierende Subjektivität, alles wird erzählt wie in einer irritierenden dritten Person - auch wenn das Ich von sich berichtet.

Die Krankenhausszenen haben etwas Groteskes. Der Blick auf die Bettnachbarn und die Krankenschwestern ist der eines absurden Komikers, er spürt belanglose Details direkt am Abgrund auf. Doch das Schnarchen, das Fernsehschauen, die sich wiederholenden Krankheitserzählungen der Zimmergenossen stören nicht weiter, denn plötzlich befindet man sich auf einer Busfahrt mitten in Mexiko. Dieser Mexikoaufenthalt scheint eine gravierende Erfahrung gewesen zu sein, er tritt öfter ins Zentrum. Dabei wird nichts auserzählt, es genügt, dass beiläufig der Name einer "Gloria" auftaucht, mit der der Ich-Erzähler offenkundig etwas zu tun hatte. Was da genau stattfand, die Entwicklung einer Beziehung, ist völlig ausgeklammert, es gibt nur einige stehen gebliebene, prägnante Bilder. Glorias Großvater etwa wohnte in einer Hafenstadt am Pazifik, gleich am Meer, und abrupt endet die Passage mit dem Satz: "Jahre später, Gloria war verheiratet und hatte zwei Kinder, erzählte sie mir, er habe noch lange nach mir gefragt."

Dies ist nicht eine Erfahrung der Vergeblichkeit, sondern mit dieser anscheinend nebensächlichen Bemerkung wird die eigene Existenz beglaubigt. Details aus dem gelebten Leben werden zu glitzernden Sinneinheiten. Und so treten aus der Vergangenheit Glücksmomente heraus, die zu einer ungeahnten Selbstvergewisserung werden. Erzählen wird zum Sehnsuchtsprojekt. Was im Krankenzimmer zu sehen ist, tritt immer dichter heran, wird immer größer, bis es verschwimmt: der neben dem Ich-Erzähler liegende Fleischer mit seinem imposanten Übergewicht, der sibirische Bauer mit seinen minderwertigen Äpfeln, die nahe Wasserflasche, der frühmodern schattierte Linoleumboden. Blickt man lange genug darauf, wird die Kindheit in Bonn wieder gegenwärtig, die Mutter, die an Krebs gestorben ist, und vor allem verschiedene Freundinnen. Jedes Mal taucht das Gefühl auf, das Eigentliche sei bei allen bizarren Erlebnissen und Betätigungen verpasst worden, doch indem es auf diese Weise evoziert wird, ist auch das Eigentliche da.