"Leb wohl, meine Königin" im Kino Draußen rollen die Köpfe

Mit den Augen der königlichen Vorleserin blickt Regisseur Benoît Jacquot auf Versailles in den Tagen der Revolution. Ihrer Klassenzugehörigkeit wegen müsste Sidonie eigentlich zu den Aufständischen überlaufen, tatsächlich ist sie ihrer Königin jedoch "ergeben wie ein Groupie". Der Hof als Ort der - natürlich verbotenen - Liebe.

Von Rainer Gansera

Eigentlich müssten sie sich umarmen und leidenschaftlich küssen: Königin Marie Antoinette (Diane Kruger) und Herzogin Gabrielle de Polignac (Virginie Ledoyen). Die Königin liebt Gabrielle, ist hingerissen von ihrer Schönheit, fasziniert von ihrem unzähmbaren Wesen. Aber die beiden halten ihre Empfindungen zurück, schauen einander nur tief in die Augen, erlauben sich eine sanfte Berührung, Stirn an Stirn. Selbst dies ist aber schon unerhört. Die Adligen im Hintergrund wenden diskret den Blick, das versammelte Hofpersonal von Versailles staunt. Und in den Augen einer jungen Bediensteten glimmt Eifersucht: Die Vorleserin Sidonie (Léa Seydoux) liebt ihre Königin und erfährt sich als ausgeschlossene Dritte.

Bei Benoît Jacquot, dem "Schöpfer eines der entschiedensten und leidenschaftlichsten Oeuvres des französischen Kinos" (Serge Toubiana), geht es immer um den Zusammenprall der Sphären: hier die soziale Ordnung mit ihren Posen und Machtrepräsentanzen, dort die Leidenschaft mit ihrer dramatische Suche nach einer Reinheit des Begehrens.

Eine physische und moralische Konfrontation: Jacquots "Les adieux à la reine", Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale, inspiriert von Chantal Thomas' gleichnamigem Erfolgsroman, erzählt von drei Tagen im Juli des Jahres 1789. Schauplatz ist Versailles, die Bühne monarchischer Macht - doch das Drama der Historie spielt in diesem Augenblick anderswo. In Paris wird die Bastille gestürmt und die Guillotine hervorgeholt, um die Köpfe der Adligen rollen zu lassen.

Solche Schreckensmeldungen dringen bisher nur gerüchteweise in diese Enklave, die aus der Perspektive der naiven, ganz ihrer Königin ergebenen Sidonie gezeigt wird. So gelingt Jacquot ein verblüffender Blick auf den Hofstaat - jenseits hollywoodesker Kostümprunkereien, auch jenseits von Sofia Coppolas Pop-Portrait der Marie Antoinette. Die Kamera heftet sich an die Gestalt der jungen, naiven Vorleserin, als wäre sie ihr Schatten - und spielt mit dem Paradox, dass Sidonie ihrer Klassenzugehörigkeit gemäß zu den Aufständischen überlaufen sollte, tatsächlich aber ihrer Herrin ergeben ist "wie ein Groupie" (Jacquot).

Zu Beginn erwacht Sidonie in ihrer engen Kammer von einem Mückenstich. Man folgt ihrem Weg über Treppen und dunkle Flure bis ins Zentrum der Macht. Und dann, als sie der Königin aus Modejournalen oder Romanen vorliest, ist sie glücklich, wenn diese die Mückenstiche an ihrem Unterarm bemerkt und ihr Rosenblütenwasser zur Schmerzlinderung holen lässt. Manchmal behandelt diese Herrin sie wie eine intime Freundin, dann wieder mit kühler Zurückweisung - ein prächtiges Wechselbad der Gefühle im Zusammenspiel von Diane Kruger und Léa Seydoux. Gelegentlich glaubt man fast, Sidonies erwartungsvoll pochendes Herz zu hören.

Ein Versailles-Bild, wie man es noch nie gesehen

Sidonie kann nicht intrigieren oder amouröse Abenteuer anzetteln, wie das ihre Kolleginnen tun. Sie lässt sich auch nicht von der Panik anstecken, die in Versailles allmählich um sich greift. Sie wartet auf Zeichen der Aufmerksamkeit ihrer Königin. So entsteht, während Höflinge ihre Fluchtversuche vorbereiten und Bedienstete Kostbarkeiten entwenden, ein Versailles-Bild, wie man es noch nie gesehen hat: keine repräsentativen Tableaus, stattdessen ein labyrinthisches Panorama mit dunklen Kammern, höhlenartigen Gängen und flackerndem Kerzenlicht. Wenn auf den Kanälen tote Ratten angeschwemmt werden, meint man, Verwesungsgeruch zu atmen.

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