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Leaks in der Popmusik Nicht ganz dicht

Auch Katy Perrys Song "Roar" leakte vor der geplanten Veröffentlichung.

(Foto: dpa)
Erst Lady Gaga, dann Katy Perry, Cher und immer wieder Lana Del Rey - die großen Popstars klagen über geleakte Songs. Es ist schwer zu verhindern, dass Musik vor der offiziellen Veröffentlichung publik wird. Vielleicht ist es aber auch gar nicht so schlimm.
Von Kathleen Hildebrand

Globales Dorf, Nervensystem, Netz: Metaphern für das Internet gibt es reichlich. Spätestens seit "Wikileaks" hat unsere schlichte, auf Bilder angewiesene Vorstellungskraft es außerdem zu einem riesigen undichten Rohrsystem gemacht. Das Internet "leakt", es tropft.

Im Moment ärgert das nicht nur die Geheimdienste der Welt, sondern auch die ganz großen Popstars. Vor einer Woche leakte Lady Gagas neue Single "Applause" sieben Tage vor der geplanten Veröffentlichung. Am selben Tag rutschte Katy Perrys neuer Song "Roar" durch ein Loch im Netz, kurz darauf der "Best Song Ever" von der Band One Direction, dann Chers Duett mit Lady Gaga. Auch das nächste Album von Lana Del Rey scheint vorab Song für Song ins Netz zu tröpfeln. Seit Ende Mai sind bereits vier bisher ungehörte Songs von ihr illegal auf Musikblogs aufgetaucht.

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Popmusik-Notfall

Die Popstars scheinen darunter immer sehr zu leiden. Lady Gaga wütete auf Twitter in Großbuchstaben "Herr im Himmel, warum?", rief einen "Pop Music Emergency" aus und verpflichtete ihre Fans als Notfall-Klempner: Sie sollten alle Seiten mit dem geleakten Song ihrem Label Universal Music melden, bat sie - und es geschah: Ein Gaga-Fan brüstete sich auf Twitter damit, 500 Seiten gemeldet zu haben.

Cher wurde ausfällig - es sei nicht mal die endgültige Version geleakt worden - und Lana Del Rey gab sich krisenhaft. Sie sei, sagte sie in einem Radiointerview, "entmutigt". Sie habe das Gefühl, man sei in ihr Leben eingedrungen und: "Ich weiß wirklich nicht, was ich auf das Album nehmen soll." Das klingt nicht so, als wären Leaks im Pop-Geschäft das, was man schnell vermutet: Reine PR-Tricks, die zeigen sollen, wie wahnsinnig begehrt und ersehnt ein neues Stück Musik ist.

"Kein Trick, sondern Automatismus"

In den hocharbeitsteiligen Produktionsprozess eines Pop-Albums sind Dutzende bis Hunderte Menschen involviert - da kann es an vielen Stellen zum Rohrbruch kommen. Spätestens, wenn ein Lied an die Presse oder an Radiostationen verschickt wird, um kurz darauf zu debütieren, ist der Kreis derjenigen, die Zugriff auf das Material haben, unkontrollierbar groß.

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"Das ist dann kein Trick, sondern ein Automatismus über den die Musikindustrie erstaunlich lange gestaunt hat", sagt dazu Tim Renner, Musikproduzent und -journalist, außerdem Gründer des Labels Motor Music. "Mittlerweile machen es die meisten wie wir und legen Veröffentlichung und Medienbemusterung auf ein und denselben Tag." Eine Studie des amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Robert Hammond von der North Carolina State University ergab im vergangenen Jahr, dass von 1095 untersuchten Alben sechzig Prozent vor ihrer Veröffentlichung leakten.

Leiden am Kontrollverlust

Nun kann man sich auch als Nichtmusiker vorstellen, dass es ärgerlich ist, wenn unfertiges Material an die Öffentlichkeit dringt. Stars wie Lady Gaga, die ihr Image sorgfältig pflegen und keine Provokation dem Zufall überlassen, ertragen den Kontrollverlust schwer, den ein Leak - besonders von unfertigen Demo-Versionen - bedeutet. Deshalb sind sie vorsichtig: Über Jay-Z war zu hören, dass er kein Album-Material per E-Mail verschickt, sondern alles persönlich mit einem sehr kleinen Kreis von Mitarbeitern ausgehandelt habe. Und auch David Bowies neues Album leakte nicht, weil sehr lange niemand ahnte, dass es überhaupt eines geben würde. Geheimhaltung kann also klappen - bei den Superstars aber nur, wenn quasigeheimdienstliche Maßnahmen ergriffen werden oder niemand mehr mit ihnen rechnet.

Doch auch wenn es passiert, trifft das die Plattenfirmen heute nicht mehr unvorbereitet. "Die Branche hat in den letzten Jahren dazugelernt", sagt Sebastian Hornik, Leiter der Unternehmenskommunikation von Sony Music Deutschland. Die Musikindustrie habe auf die Digitalisierung reagiert und mache geleakte Songs schnell legal verfügbar. "Es gibt mittlerweile so tolle legale Angebote, Download-Plattformen und Streamingdienste - es lohnt sich gar nicht mehr, illegal zu konsumieren." Mit der Gefahr vorzeitiger Veröffentlichung gehe die Branche mittlerweile "proaktiv" um, sagt Hornik: Indem die Plattenfirmen selbst mit Ausschnitten aus neuen Songs für ein kommendes Album werben.

Die Gier nutzen

So ist es mittlerweile ein gängiger Marketing-Prozess, dass Künstler sich die Online-Gier nach Appetithäppchen zunutze machen. Die Kampagne für das neue Daft Punk-Album funktionierte so und Jay-Z schenkte in einer Kooperation mit Samsung deren Handynutzern sein Album "Magna Carta Holy Grail" vor der offiziellen Veröffentlichung.

Finanziell hingegen bedeuteten Leaks kaum direkte Einbußen für die einzelnen Musiker, schreibt Richard Hammond in seiner Studie. So ein Effekt sei "im Grunde nicht vorhanden", vielmehr profitierten etablierte Stars sogar von der größeren Verbreitung ihrer Musik im Netz.

Für die Musikindustrie insgesamt ist jegliche Form von Filesharing freilich verheerend. Als Ergebnis seiner Untersuchung schreibt Hammond, dass etablierte Künster durch Filesharing zwar erst einmal "eine größere Scheibe vom schrumpfenden Kuchen der Einnahmen in der Musikindustrie" abbekämen. Das heißt: Von den insgesamt sinkenden Verkaufszahlen machten die von sehr bekannten Popmusikern einen immer größeren Anteil aus. Trotzdem schrumpft der Kuchen und die Plattenfirmen leiden - auf Dauer wird das allen Musikern schaden, den unbekannteren zuerst.

Popstars wie Lady Gaga mit gut dotierten Verträgen merken nichts von der Krise der Branche. Wenn sie also klagen, dann geht es ganz allein um die Kunst - und um Kontrolle.

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