"Le Havre" im Kino Sonniges vom Chef-Melancholiker

Sehnsucht nach blühendem Leben: Aki Kaurismäkis Film "Le Havre" ist eine liebevolle Auseinandersetzung mit dem Flüchtlingsproblem ohne Betroffenheits-Rhetorik - und zugleich die Wiederauferstehung eines Regisseurs. Endlich ist er wieder im Vollbesitz seiner Magie.

Von Rainer Gansera

Von all den Bildern des Aufblühens und Erstrahlens in "Le Havre" ist die Ananas das schönste. Auch farblich. Es gibt das strahlende Weiß von Kirschblüten, das lodernde Rot von Rosen und Nelken, aber das Grün-Gold der Ananas erscheint sonnengleich. Ein sonniger Film von Kaurismäki, dem Chef-Melancholiker des Autorenkinos? So ist es.

Bei seiner Suche nach dem entwischten Flüchtlingsjungen Idrissa (Blondin Miguel) durchstreift Inspektor Claude (Jean-Pierre Darroussin) das triste Kleine-Leute-Viertel der nordfranzösischen Hafenstadt Le Havre, wo Idrissa Unterschlupf gefunden haben soll. Er befragt einen Gemüsehändler, der ihm nach allerlei ausweichenden Antworten eine Ananas aufnötigt. Als er dann ins Dunkel einer Kneipe eintritt und von skurrilen Thekenstehern beäugt wird, erscheint die Ananas in seiner Hand zuerst als Gag, dann als Monstranz einer Sehnsucht nach blühendem Leben. Solche Vexierbilder, die Witz in großes Pathos verwandeln, liebt Kaurismäki. Schon ereignet sich ein kleines Wunder: die Wiederbegegnung mit einer verflossenen Liebe.

Ein Wunder ist auch "Le Havre" selbst. Eine Wiederauferstehung Kaurismäkis, dessen Erzählkunst bei seinen letzten Filmen zu schwächeln anfing: Die Melancholie versank in allzu gedrechselten Schattenspielen, das Universum seiner Außenseiter-Balladen geriet ins Formelhafte. Nun erinnert er sich daran, dass Melancholie Sehnsucht nach Schönheit ist. In dem Jubel, mit dem "Le Havre" bei seiner Uraufführung in Cannes begrüßt wurde, war die Erleichterung zu spüren, einen der Großen des Autorenkinos wieder im Vollbesitz seiner Magie zu sehen.

Kaurismäki-Aficionados kennen den Helden des neuen Films: Marcel Marx, einst die Zentralfigur in "Das Leben der Bohème", wo er sich als Möchtegern-Schriftsteller in Paris herumtrieb. Jetzt hat er sich - wieder verkörpert von dem grandiosen André Wilms - ins Exil nach Le Havre zurückgezogen. Als Schuhputzer verdient er sich die Münzen für den obligatorischen Rotwein, seine existentiellen Niederlagen versteckt er hinter theatralischer Grandezza: "Als Schuhputzer kann ich der Gesellschaft einen viel besseren Dienst erweisen denn als Schriftsteller!" Und das Schicksal will, dass er zum Schutzengel für den illegal aus Afrika eingeschleusten Idrissa wird.

Gerade als seine ihn liebevoll umhegende Ehefrau Arletty (Kati Outinen) schwer erkrankt, entdeckt Marcel den Jungen und versteckt ihn bei sich zu Hause. "Container-Flüchtling entwischt. Möglicherweise ist er bewaffnet und hält Verbindung zu al-Qaida!", hatte er beim Schuhputzen in den Schlagzeilen gelesen. Jetzt spielt er den Retter, blüht auf, und die Nachbarschaft aus Wirtin, Bäckersfrau und Gemüsehändler entwickelt sich zur rührend-kuriosen Solidargemeinschaft. Man veranstaltet ein Benefizkonzert mit "Little Bob", dem "Elvis des französischen Rock'n'Roll", um Idrissa die Überfahrt zu seinen Verwandten nach London zu ermöglichen.

Politischer Zorn

Zweierlei beflügelt "Le Havre" entscheidend: Kaurismäkis Liebe zum klassischen französischen Kino (Marcel Carné, René Clair, Jean Renoir), dem er zahlreiche Reminiszenzen widmet, und sein politischer Zorn über die demütigende Behandlung der Afrika-Flüchtlinge. "Das größte aller Probleme Europas", erklärte er in Cannes, "ist zur Zeit die Flüchtlingsfrage. Die EU schiebt die Verantwortung den Randländern Griechenland, Spanien oder Italien zu, und dort werden die Flüchtlinge wie der letzte Dreck behandelt."

Weil Kaurismäki, wie er kokett sagt, "für Sozialreportagen zu sensibel" ist, übersetzt er seinen Zorn in die ureigene Erzählweise, die jedes Bild zum Tableau stilisiert und die Fabel ausdrücklich zum Tagtraum-Märchen ausspinnt. So kann er ein brisantes Thema ohne Betroffenheits-Rhetorik angehen und den Nerv der Sache in der Suche nach der solidarischen Geste treffen.

Das zentrale Wunder: Die Menschen sind nett zueinander, richtig edel, hilfreich und gut. Es gibt nur einen Bösewicht - den von Jean-Pierre Léaud gespielten intriganten Nachbarn, der Marx und den Jungen beim Kommissariat verpfeift. Léaud erinnert hier ex negativo daran, dass er einst bei Godard und Truffaut den jugendlichen Vorkämpfer der Revolte verkörperte.

Im Kern geht es Aki darum", erzählte André Wilms, der "Le Havre" beim Münchner Filmfest vorstellte, "dass wir den in der Jugend gehegten Idealen von Gerechtigkeit und Solidarität treu bleiben. Er war sehr schockiert von der französischen Flüchtlingspolitik und meinte: 'Das kann man doch nicht so einfach hinnehmen!' Bei den Dreharbeiten hat er mir einmal etwas sehr Schönes gesagt: 'Es ist uns vielleicht nicht gelungen, die Welt zu verändern, aber ich hoffe doch stark, dass die Welt uns nicht zu sehr verändert hat!'"

In Märchen gibt es erkrankte Könige, denen das Wasser des Lebens zur Heilung gebracht werden muss. Für Marcel Marx, seine Frau und die braven Nachbarn funktioniert die Idrissa-Figur in der Art eines Heilwasserbringers. Auch wenn die Rettung des Jungen im Zentrum des Geschehens steht, so ist doch eigentlich er der Rettende. Er veranlasst oder inspiriert die Liebesgeschichten, die das Herzstück der Story bilden - von Menschen, die sich etwa in Kaurismäkis Alter befinden: die zärtliche Fürsorglichkeit zwischen Marcel und seiner Frau; Altrocker Little Bob kann nur auftreten, wenn zuvor die Versöhnung mit seiner Muse gelingt; Inspektor Claude begegnet in der Kneipe seiner Liebe aus Jugendjahren. Sobald er die Ananas in der Hand hält, weiß man, dass die Geschichte hell erstrahlen wird.

LE HAVRE, Finnland/F/D 2011 - Regie, Buch: Aki Kaurismäki. Kamera: Timo Salminen. Mit: André Wilms, Kati Outinen, Blondin Miguel, Jean-Pierre Darroussin, Elina Salo, Pierre Etaix, Jean-Pierre Léaud. Pandora, 93 Minuten.

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