Was ist das Nazi-Statement eines Mannes wert, der die ersten 40 Jahre seines Lebens fälschlich glaubte, Sohn eines Juden zu sein? Die Entscheidung, Lars von Trier in Cannes zur Persona non grata zu erklären, war unüberlegt.
Lars von Trier, man muss seine Filme nicht mögen, man muss ihn persönlich nicht mögen, ist eine imposante Künstlerpersönlichkeit, von denen es unter der Sonne derzeit nicht allzu viele gibt.
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Festival in Cannes: – Von Trier ausgeschlossen (© reuters)
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Darum hat der dänische Filmregisseur, Jahrgang 1956, zu Recht viele Preise für sein Werk bekommen - unter anderem den Josef-von-Sternberg-Preis (1984), den Jury-Preis in Cannes (1984 und 1991), den Adolf-Grimme-Preis (1995; für Geister) den Großen Jury-Preis in Cannes (1996), den Felix (1996), die "Goldene Palme" von Cannes (2000). Er war "Europäischer Regisseur 2003", erhielt den Konrad-Wolf-Preis (2004), den Europäischen Filmpreis 2008 und den Nordischen Filmpreis 2009. Das Multitalent Björk etwa erhielt unter seiner Regie die Goldene Palme im Jahr 2000 für Dancer in the Dark. Um nur einige zu nennen.
Nun hat man Lars von Trier, der für seinen Festvalbeitrag, den Spielfilm Melancholia, zum neunten Mal nach Cannes gebeten hatte, eben dort zur Persona non grata erklärt und vom weiteren Verlauf der Veranstaltung ausgeschlossen.
Als Grund wird genannt, dass dieser Mann, den man immer gerne als Enfant terrible einlädt, wenn man ein zahnloses Monster in seiner Festivalumgebung benötigt, dass also Lars von Trier nach der Premiere seines Films behauptet hatte: "Okay, ich bin ein Nazi."
Über Adolf Hitler sagte er: "Natürlich, er hat falsche Dinge getan, aber ich kann ihn auch sehen, wie er da am Ende in seinem Bunker hockt. Ich glaube, ich verstehe den Mann. Er ist nicht unbedingt das, was man einen guten Kerl nennt. Aber ich verstehe vieles an ihm und kann mich sogar ein bisschen in ihn einfühlen."
Empörung pur war die Folge und, man ist ja gerade beim Showbizauflauf von Cannes: filmreife Entrüstung. Die jüngsten Kommentare des Filmemachers seien "nicht akzeptabel, nicht tolerierbar und stehen im Gegensatz zu den Idealen der Humanität und Großzügigkeit" des Festivals. Das kann man so stehen lassen. Er wurde zur Unperson erklärt - das kann man nicht stehen lassen.
Von Trier bemühte sich um Abmoderation: Er sei kein Nazi, ließ er mitteilen, und sagte selber: "Wenn ich heute Morgen jemanden durch meine Worte verletzt habe, möchte ich mich aufrichtig entschuldigen. Ich bin weder antisemitisch, habe keine rassistischen Vorurteile, noch bin ich ein Nazi."
Allein, es verfing nicht. Die Empörungsmaschine lief da schon auf Hochtouren und spuckte einen Ausschluss aus, der in der Geschichte des Festivals beispiellos ist.
Nun muss man sich, grata hin, non grata her, die Person des Lars von Trier doch einmal genauer anschauen. Vielleicht hätten es die Empörten auch tun sollen, denn dann relativiert sich Einiges.
Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie Lars von Triers Familiengeschichte den Fall in anderes Licht setzt.
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...sollte man unbedingt den Kommentar auf
www.suedwatch.de
lesen.
bzgl. "Identitätsfragen"
Danke für Ihre Interpretation und die Links! Sehr hilfreich und erhellend! (Nein, das meine ich NICHT ironisch)
Aus einem Interview mit der Zeit http://www.zeit.de/2005/46/Trier-Interview
"
ZEIT: Vor den letzten dänischen Wahlen haben Sie Zeitungsanzeigen gekauft, in denen Sie zum Boykott der rassistischen rechtsradikalen Partei aufgerufen haben. Das zeugt von Engagement und Moral.
von Trier: Aber wahrscheinlich hat es gar nichts geholfen. Wahrscheinlich hat es den Rechtsradikalen einfach nur mehr Aufmerksamkeit eingebracht. Eine Menge Leute dachte sich, dass eine Partei, die von diesem Spinner Lars von Trier bekämpft wird, sicher Qualitäten hat. Ja, ich bin ein Moralist. Aber ich will nicht, dass meine Filme moralisch wirken. Ich will auch nicht, dass Sie mich für einen Moralisten halten. Ich will, dass Sie mich für grausam, hart und männlich halten.
"
"wenn er diese Aussage auch gleich wieder revidiert, dann muss man dem oft als "schwierig" empfundenen und immer depressiven Künstler doch aller menschlichen Erfahrung nach erst einmal sein persönliches Trauma als Motiv unterstellen als den billigen Flirt mit dem Führer, als blanke Lust an der Provokation."
So sympathisch ich es finde, dass sich hier jemand der massenmedialen Erregungswelle entgegenstemmt, so sehr möchte ich der Rückführung des Geschehens auf das "Trauma" von Triers wiedersprechen. Etwas überspitzt könnte man vielleicht sogar sagen, dass gerade die reflexive Verarbeitung ihm eine provokative Performance ermöglicht, die man beispielsweise mit "Relativitätstheoretische Betrachtungen kultureller Identität vor erkenntnistheoretischem Hintergrund" betiteln könnte.
Zunächst einmal sollte man das Fenster, durch das das konkrete Geschehen betrachtet wird , zumindest soweit erweitern, dass nicht nur der skandalisierte Kern in den Blick genommen wird, also nicht nur die Antwort von Triers. Sondern eben auch die von einer Journalistin der Londoner Times gestellte Frage:
"Can you talk a bit about your german roots an the gothic aspect of this film? And also you mentioned in a danish film magazine, that you`re interested in the Nazi-aesthetic and you talked about that german roots at the same time, can you tell us a bit more about that?"
http://soundcloud.com/user4863022/lars-von-trier (34:30)
Steigt man etwas früher ein, stellt man fest, dass auch davor bereits "Identitätsspiele", wenn auch mit anderenm Personal, gespielt werden.
Dieses "at the same time" aber liefert nun die Bühne, auf der von Trier seine Performance aufführen kann. Hat die Journalistin hier bereits Naziwitterung aufgenommen? War das einfach eine unbedachte Äusserung? Man weiss es nicht, kann aber festhalten, dass hier ein möglicher, kausaler (?) Zusammenhang zwischen biologischer Abstammung, nationaler Identität und dem Interesse von Triers an "Nazi-Ästhetik" suggeriert oder zumindest in den Raum gestellt wird.
Ohne allzu genau darauf eingehen zu wollen. Bei Kenntniss des Interviews, ohne das das Geschehen eigentlich nicht wirklich eingeordnet werden kann, scheint diese Frage noch weniger Sinn zu machen. Es scheint zudem der Interviewer zu sein, der Problemfeld deutsche Kultur > Hitler > Nazi-Ästhetik thematisiert.
http://www.dfi.dk/Service/English/News-and-publications/FILM-Magazine/Artikler-fra-tidsskriftet-FILM/72/The-Only-Redeeming-Factor
http://catsair.blogspot.com/b/post-preview?token=ZlNbDjABAAA.yCSBfK68p-hPxfumICSbng.vfgSxl0rLvd6JQebnz96QQ&postId=8521829761410972144&type=POST
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