Hauptstadt der Pop-Musik Lana Del Rey erobert Hollywood

Sie weiß, wie das Herz eines Mannes auf Kokain schlägt. Und sie weiß, dass dunkle Dinge so viel dunkler wirken, wenn man sie mit French-Manicure-Fingern am Mikrofon besingt. Auf Youtube stieg Lana Del Rey zur Diva der Hipsterkultur auf. Jetzt hat sie Los Angeles erobert - eine Stadt, die für die Stars alles bedeutet.

Von Anne Philippi, Los Angeles

Lana Del Rey lässt zwei Stunden warten. Um 22 Uhr betritt sie dann lautlos die Bühne des El Rey Theatre, dem Art-Deco-Palast auf der Miracle Mile von Los Angeles. Sie hat länger für ihre Haare gebraucht, die zu einer kunstvollen Mähne mit Diadem aufgebaut sind. Die Frisur liegt irgendwo zwischen Priscilla Presleys Hochzeitsfrisur und der Elisabeth-Taylor-Mähne, als sie ihre Affäre mit Richard Burton begann. Oder erinnert sie doch an Nancy Sinatra?

Lana Del Rey gehört jetzt zu Hollywood. Das heißt, sie ist nun Teil einer Gemeinde, in der Genre- und Geschmacksgrenzen keine Rolle mehr spielen, in der es egal ist, ob man in Filmkomödien mitspielt, einen Drehbuch-Oscar gewinnt oder Heavy Metal spielt.

(Foto: REUTERS)

Lana Del Reys Frisur ist wichtig. Sie soll eine Menge erzählen. Sie steht im direkten Zusammenhang mit den Filmausschnitten, die hinter ihr auf der Bühne laufen. JFK kommt vor, eine Sixties-Lana als Tote im Pool, eine betrunkene Paz de La Huerta, die vor dem Château Marmont hinfällt, die noch dürre, gespenstische Micky Maus aus den dreißiger Jahren, Hollywood-Münder und Gliedmaßen aus Filmen, die wir nie gesehen haben. Und davor steht Lana Del Rey mit dieser Frisur und singt gleich als erstes "Blue Jeans". Den Song über einen Jungen in Jeans und weißem T-Shirt.

Um 22.04 Uhr hat die Stadt dann eine neue Königin. Lana Del Rey ist mit 25 Jahren in der Lage die dunkle, die wirklich dunkle Seite an Hollywood und seinen Gesichtern und Geschichten zu besingen. Sie weiß, das Herz eines Mannes auf Kokain schlägt anders. Sie weiß auch: dunkle Dinge wirken so viel dunkler, wenn man sie mit French-Manicure-Fingern am Mikrofon, großer Frisur und schönen, großen Lippen besingt.

Es ist nur ein Jahr her, als Lana Del Rey mit ihrer phlegmatischen Alt-Stimme über einem Video aus verwaschenen Sehnsuchtsbildern auf Youtube zur Diva der Hipsterkultur aufstieg. Sie eroberte New York. Dann Europa. Aber im Pop gibt es immer noch die Hierarchie der Städte, die es schon seit Frank Sinatra gibt. In New York (oder London oder Paris oder Berlin) beginnt man seinen Aufstieg. In Los Angeles wird man zum Star. In Las Vegas begibt man sich aufs Altenteil. Es reicht schon, ein paar Wochen lang, den Moloch Los Angeles zu erobern. Davon können manche ein Leben lang zehren.

Perfekt vorbereiteter Coup

Die Zeichen für Del Reys Regentschaft über Los Angeles verdichten sich seit Monaten. Bei ihrem Konzert im Dezember drängelten sich die Universal-Chefs auf dem Konzertbalkon und staunten: Wie konnte es sein, dass so ein Mädchen in der Lage war, für einen David-Lynch-Film, Teenager aus den besseren Gegenden der Stadt und Hollywood-Snobs gleichzeitig zu singen?

Die Sängerin kochte den Wahnsinn erst mal ein wenig herunter und zeigte sich nur in ihrem karamellfarbenen 1981er Mercedes-Cabrio beim Häusershoppen in Beverly Hills. Nichts Auffälliges. Bloß ein Vintage-Auto. Aber dann lieferte sie einen echten Coup, der selbst die Jagdhunde der wichtigsten und härtesten Paparazzi-Webseite TMZ überraschte, ja überforderte.

Lana Del Rey verließ das Château Marmont, das berüchtigtste Star-Hotel der Stadt, mit keinem Geringeren als Axl Rose und das war natürlich kein Zufall. Man muss davon ausgehen, dass Del Rey die Sache perfekt vorbereitet hatte, denn von ihr stammt der Song "Axl Rose Husband" mit der Songzeile: "You're my one king daddy / I'm your little queen." Sie wurde auf mehreren Guns-N'-Roses-Konzerten hinter der Bühne gesichtet, und nicht nur gesichtet.

Clevere T-Shirt-Politik

Sie verlor sogar kurz die Contenance und zeigte vor Begeisterung über Axls Show ihren blanken Bauchnabel, während sie ihn gleich mit ihrem T-Shirt-Motiv betrog: Es zeigte den Mug-Shot des jungen Frank Sinatra. Lana Del Reys T-Shirt-Politik blieb bislang unkommentiert. Natürlich auch von ihr selbst. Zu einem Guns-N'-Roses-T-Shirt bei einem Konzert in England merkte sie nur an: "Ja, es ist Größe S." In Wahrheit sind ihre T-Shirts clevere Machtdemonstrationen.