Lagunen-Krimi Die Ratten von Venedig

Die Touristen gehen früh schlafen in Venedig, nach erschöpfenden Sightseeing-Touren und gutem Essen. Nur die Ratten bleiben wach. Und dann kommt plötzlich eine menschliche Killerratte in die Stadt.

Von Thomas Steinfeld

In Venedig gehen die meisten Menschen früh schlafen. Denn die meisten Menschen dort sind Touristen. Sie kommen von überallher, sind von Natur aus rastlos - was daran liegt, dass sie von den Dingen, die sie sehen, eher wenig verstehen, und deswegen unentwegt von einem Ort zum anderen ziehen. Nachdem sie also den ganzen Tag gehend oder mit dem Vaporetto fahrend an der frischen Luft verbracht haben, gehen sie essen. Dabei trinken sie Wein, worauf sie so müde sind, dass es in der Stadt spätestens um elf Uhr abends still wird. Die Kellner stellen noch die Stühle zusammen, die letzten Boote bringen das Personal nach Hause, und danach herrscht die Ruhe einer toten Stadt. Wer Muße hat, kann zu dieser Zeit die Ratten unter den Brücken beobachten, wie sie sich allmählich aus dem Dunkel hervortrauen und die Umgebung nach Essbarem absuchen.

Schaulustige sehen im September 1935, wie ein Auto aus dem Hafen von L. A. gezogen wird. Darin befinden sich die Leichen des Ehepaars Steinheur. Ihr Neffe, Leroy Drake, hatte sie vergiftet, um an ihr Erbe zu kommen. Und sie dann am Kai "verschwinden" lassen.

(Foto: Jim Heimann: Dark City. The Real Los Angeles Noir)

In einem Venedig dieser Art spielt "Der Tourist", der jüngste Roman des in Italien vielfach ausgezeichneten Schriftstellers Massimo Carlotto. Pietro Sambo heißt sein Held, und der Name mag sich aus dem Adjektiv "sghembo" ableiten, was "krumm" oder "schief" bedeutet. Krumm jedenfalls waren die Touren, die Pietro, ehemals Chef der Mordkommission, aus dem Dienst beförderten, und schief sehen ihn die Bürger der Stadt seitdem an. Denn von Letzteren gibt es nicht mehr viele, und man kennt sich untereinander, während man mit den Touristen, die sich ja in großer Überzahl in der Stadt aufhalten, seine Geschäfte macht. Doch dann kommt, als Tourist verkleidet, eine böse Killerratte in die Stadt, ein Mann zudem, der nicht aus Habgier oder Hass mordet, nicht, um jemanden zum Schweigen zu bringen, und nicht aus sexueller Not - sondern aus Lust am Töten. Bald ist Pietro Sambo wieder als Ermittler unterwegs, wenngleich nicht in Diensten der Polizei.

Auch Massimo Carlotto kann auf ein krummes Vorleben zurückblicken. In den Siebzigern war er Mitglied der "Lotta Continua" gewesen, einer Gruppe der radikalen Linken. Eine Verurteilung wegen Mordes trieb ihn ins Exil nach Frankreich und nach Mexiko, jahrelang saß er in italienischen Gefängnissen, bevor das Urteil im Jahr 1993 aufgehoben und Massimo Carlotto begnadigt wurde. Mindestens eine Lehre scheint er aus den "anni di piombo", aus den "bleiernen Jahren" in seine Romane übernommen zu haben: dass zwischen dem Staat und seinen Gegnern oft nicht leicht zu unterscheiden ist, dass zwischen einem Geheimdienst und einer kriminellen Vereinigung nicht immer das Gesetz steht. Eine solche Organisation jedenfalls hat Verwendung für den Mann, der aus Lust am Töten mordet. So füllt sich Venedig, eine Stadt, in der ansonsten weitaus mehr betrogen oder gestohlen als erschossen oder erwürgt wird, allmählich mit schwer bewaffneten Mordmenschen, und es fällt Pietro Sambo, dem treuen Venezianer, zunehmend schwer, im laufenden Gemetzel Souveränität zu bewahren.

So leer, so sinnlos und so kalt erscheint Venedig hier, dass man nur davongehen kann

Vor den umfangreichen Planungen, die nicht nur die einander bekämpfenden geheimen Organisationen, nicht nur die Polizei, nicht nur Pietro Sambo anstellen müssen, bleibt auch der Autor nicht verschont: Er beschreibt wenig und erklärt viel, leider auch rückwirkend. Und vielleicht liegt es an diesem taktischen Aufwand, dass die schöne Stadt Venedig bei diesen Gedankenspielen zu kurz kommt: Zwar weiß Massimo Carlotto sehr wohl, dass der Kriminalroman heute Qualitäten eines Reiseführers besitzen muss, und er wird nicht müde, die Namen der Brücken und Plätze, der Kirchen und Palazzi zu nennen, über die oder an denen vorbei seine finsteren Gesellschaften ziehen - ja, und auch die Gerichte auf einer venezianischen Speisekarte lassen sich anhand dieses Buches lernen. Doch wirken diese Einträge zu Geografie und Kulinarik wie Markierungen auf einer Einsatzkarte der Ordnungskräfte, über die am Ende die gewaltige Hand ihres Zeichners wischt, vom Lido bis zum Ölhafen in Marghera, um die verworrenen Verhältnisse wenigstens halbwegs wieder in Ordnung zu bringen.

(Foto: )

Dann senkt sich die Dämmerung über Venedig. Für ein paar Stunden noch hört man das Lärmen in den Restaurants, und für die Touristen, die weniger Geld haben, schneidet ein Flüchtling aus Bangladesch eine Scheibe Kebab ab. Dann wird es allmählich still, die Ratten kommen hervor, und Pietro Sambo verlässt die Stadt, in der er sein ganzes Leben gewohnt und die er unzählige Male vor Verbrechern bewahrt hatte. Zwar wird er dazu gezwungen, aus Gründen, die etwas mit der Logik der Handlung zu tun haben, aber der Auszug liegt auch in der Logik des Schauplatzes: Denn so leer, so sinnlos und so kalt erscheint Venedig in diesem Buch, dass man nur davongehen kann: Vor ein paar Tagen sank die Zahl der Einheimischen, wie sie fortlaufend im Schaufenster einer Apotheke am Rialto angezeigt wird, zum ersten Mal auf unter 54 000 Menschen.

Massimo Carlotto: Der Tourist. Thriller. Aus dem Italienischen von Monika Lustig und Catherine Hornung. Folio-Verlag, Wien und Bozen 2017. 252 Seiten, 20 Euro. E-Book 16,99 Euro.