Kurzkritik Raumgestalter

Amadeus Wiesensee beim Nymphenburger Sommer

Von Harald Eggebrecht

Keiner weiß, ob Wolfgang Amadé Mozart im Hubertussaal von Schloss Nymphenburg gespielt hat, aber dass er im Schloss aufgetreten ist vor Kurfürst Max III. Joseph, ist sicher. Auf dieses Ortsrätsel wies Eckart Heintz, der Initiator des "Nymphenburger Sommers", vergnügt hin, bevor Amadeus Wiesensee im Hubertussaal eine vielschichtige, über drei Jahrhunderte ausgreifende pianistisch packende Tour d'horizon darbot mit größtem Ernst, bezwingender Konzentration und imponierender Gestaltungs- und Strukturierungskraft: Johann Sebastian Bachs 6. Englische Suite d-Moll, Johannes Brahms' Händel-Variationen, drei Moments musicaux von Franz Schubert und Sergei Prokofjews 7. Sonate. Als Zugabe für das begeisterte, stehend applaudierende Publikum Franz Liszts Version von Richard Wagners "Isoldes Liebestod".

Dieser junge Mann, Jahrgang 1993, hat ein nahezu unheimliches Gespür für die Dunkelheiten, für das Verhangene, auch Grüblerische und deren Farbigkeiten. So leuchtet er keineswegs nur den Vordergrund der Stücke prächtig aus, sondern er öffnet im musikalischen Prozess gleichsam die dahinterliegenden Echo- und Assoziationsräume. In den besten Momenten scheint es, als könne man die Musik als dreidimensionales Gebilde umwandern. So werden aus den offen virtuosen Tanzsätzen der Englischen Suite tiefgestaffelte Raumfolgen.

Wiesensee entfaltet Brahms' Variationen als überraschungsreiche, mal ins Träumende abschweifende, dann kräftig auftrumpfende Abenteuerreise hin zum glänzend durchformulierten Schlussfugenmassiv. Schuberts Musik beschwört er als sehnsuchtsvolle Zwielichtlandschaften und bei Prokofjew begreift er neben aller klirrenden Martellato-Härte weite Melancholie als dessen Zentrum. Was dieser dem dunklen Glühen zugeneigte, überlegen artikulierende Musiker wohl in ganz anderen Musikwelten des hellen Lichts, belcantistischer Seligkeit und flirrender Farbigkeit entdecken wird?