Jacob Collier Hoch talentiert

Jacob Collier beim Jazzfest in Ebersberg

Von Oliver Hochkeppel, Ebersberg

Schon irre, was der schmächtige, gerade 23-jährige Jacob Collier alles kann: Er beherrscht ein Dutzend Instrumente; er singt wie ein Zeisig, mit erstaunlicher Range und makelloser Intonation; er ist ein Rhythmus- und Bewegungstalent mit grandiosem Timing und obendrein ein guter Entertainer. Vor allem aber hat er den Ehrgeiz, möglichst viel davon gleichzeitig vorzuführen. Das ist ein derzeit konkurrenzloses, verblüffendes Gesamtpaket, das ihm in kurzer Zeit Millionen von Youtube-Klicks, die Zusammenarbeit mit Stars wie Quincy Jones und Herbie Hancock sowie zwei Grammys eingebracht hat - und nun auch beim Internationalen Jazzfestival in Ebersberg für Jubel sorgte. Ob bei Stevie Wonders "Don't You Worry 'Bout A Thing" oder seinem "Down The Line", zunächst ist die Wucht unwiderstehlich, wenn er mit Loopstation und Vokalharmonizer seine Soli zum furiosen Orchester- und Chor-Hymnus übereinanderschachtelt. Genauso spektakulär sind die Echtzeit-Videoloops, die ihn auch auf der Leinwand vervielfachen. Rasch wurden aber auch die Grenzen deutlich. Die Methode wird schnell redundant, ermattet mangels echter Interaktion schon beim dritten, vierten Stück dieser Art. Und Colliers eigene Kompositionen, speziell eine quälend lange, effekthascherische Ballade am Klavier, ließen erkennen, dass es ihm noch am Songwriting, an Geschmack und Formbewusstsein fehlt.

Es mag in Youtube-Zeiten altväterlich klingen, aber nach Meinung des Rezensenten liegt die Zukunft des Jazz wie jeder anderen Live-Musik nicht darin, mithilfe der Technik für und mit sich allein zu musizieren. Sondern in der spontanen und spannenden Kommunikation mehrerer Musiker, wie es vorher das Vincent Eberle Quintett grandios vorexerzierte. Auftritte mit Snarky Puppy, der WDR Bigband oder dem Metropol Orkest haben indes bewiesen, dass der hochtalentierte Jacob Collier auch das kann.