Kurzkritik Gefangen

Der Pianist Chick Corea im Münchner Herkulessaal

Von Oliver Hochkeppel

Es ist immer wieder staunenswert, wenn sich einer der besten Improvisatoren ans Klavier setzt und spontan die schwierigsten Vorlagen aus dem Augenblick heraus virtuos weiterspinnt. Chick Corea versuchte im Herkulessaal das Überraschungsmoment und den Anschein des Ungeplanten gezielt zu verstärken, indem er so ganz nebenbei sagte: "Ich habe kein Programm", und zwischendurch stutzte er betont unschlüssig, bevor er sich zur nächsten Standard-Interpretation an den Flügel setzte.

In Wahrheit hatte Corea natürlich ein Programm. Das Repertoire speiste sich komplett aus der vor drei Jahren eingespielten Doppel-CD "Portraits", von den Stücken von "Freunden und Idolen" oder für dieselben wie George Gershwin, Thelonious Monk, Bud Powell oder Paco De Lucia - mitunter auch kombinierte Hommagen, bei denen dann Antonio Carlos Jobim mit Stevie Wonder verschmolz. So virtuos Corea all dies in seinen eigenen musikalischen Kosmos voller rhythmischer Variation und melodischer Rekombination zu ziehen vermochte, so sehr wirkte es trotzdem seltsam bemüht, in einem stets im Fusion-Modus endenden Käfig gefangen, ja fast ein wenig gehetzt.

Es hat eben seinen Grund, dass Solo-Piano im Schaffen Coreas einen verschwindend kleinen Raum einnimmt. Der Amerikaner ist einer der Größten, was das Reagieren und das Interagieren angeht - man muss sich nur an seine legendären Auftritte mit Gary Burton oder Bobby McFerrin erinnern. Alleine aber fehlt ihm die Reibungsfläche, und ein Moll-Romantiker wie Brad Mehldau oder ein Meister des großen Bogens wie Keith Jarrett, dem er immerhin die Zugewandtheit ans Publikum voraus hat, wird er definitiv nicht mehr. Was seine eigentliche Stärke ist, zeigt sich, als Corea nacheinander drei Pianisten - wenn es Amateure waren, dann Hut ab - auf die Bühne holte und mit ihnen improvisierte. Das waren die spannendsten und überzeugendsten Momente des Abends.