Kurzkritik Gedanken mäandern

"Shame", ein aufregendes Solo von Marie Golüke

Von Egbert Tholl

Für ihre Verhältnisse ist "Shame" fast ein zurückhaltender Abend. Aber wie sollte es auch anders sein bei dem Thema. Marie Golüke steht auf der kleinen Bühne des Rationaltheaters, trägt einen weißen, toga-artigen Overall und sagt lange Zeit erst einmal nichts. Aber sie spielt, verkörpert mit Gesten und Haltungen alle Arten der Scham. Sie verbirgt ihr Gesicht hinter den Händen, schlägt die Arme um ihre Schultern, richtet fahrig ihre Haare. Videos flackern kurz über die Bühne, Traumbilder, explizite Splitter von Aufnahmen ihrer selbst. Sie zieht eine halbdurchsichtige Gummimaske über, wiederholt die Gesten, wird offensiver, zitiert Sachen, für die man sich schämt, Hitlergruß und die Lust am eigenen Körper, zieht sich keusch aus, zieht ein weißes Hemd an, malt sich Schamesröte ins Gesicht. Und spricht.

Golüke spricht über Schamlosigkeit und Schamfreiheit, über Kindheit, auch Erziehung, gesellschaftliche Determination, die Gedanken mäandern. "Schamlosigkeit ist Provokation, aber ist sie auch Freiheit? Scham gibt Sicherheit, aber gibt sie auch Freiheit?" Golüke ist sehr konzentriert, will zum Denken anregen. Vor dem Hintergrund, wie sie sich zuvor selbst präsentierte, wird das Reden unterfüttert von der Präsenz ihrer Person, werden die Worte zur Interpretation des Vorangegangenen.

Und es passiert etwas sehr Grandioses bei diesem Solo, für das Golüke Förderung in Hamburg und Berlin erhielt und das das Rationaltheater mit dem Ballhaus Ost in Berlin und dem Hamburger Monsuntheater produziert: Golüke fragt das Publikum, sehr direkt, sehr freundlich - und alle öffnen sich. Die Menschen reden über Scham und Scheu, erzählen sehr persönliche Dinge, reden miteinander. Mit ihrer Selbstdarbietung schafft Golüke den Rahmen, innerhalb dessen sich die Zuschauer trauen, öffentlich zu reden. Das geht nach der Vorstellung weiter und ist noch heute und drei Mal im April (26. bis 28.) zu erleben. Daneben zeigt Golüke im Perlacher Pepper die erste ihrer kommunikativen Arbeiten, "Erotism" (5. und 6. April).