Kurzkritik Fettes Ausrufezeichen

Dringlicher denn je: Die Band "Kettcar" in der Muffathalle

Von Bernhard Blöchl

Es kommt ja nun nicht oft vor, dass eine Band ihre Platte live am Stück spielt, und wenn doch, dann geht es um alte Alben, Klassiker von U2 oder Bruce Springsteen. Das Procedere hat denn auch den Nachteil, dass die Dramaturgie so eines Rock-Abends meist weniger spannend ist als ein Adventskalender mit limitierter Schoko-Vielfalt. Auf der anderen Seite weiß man, woran man ist, weiß, wann die Höhepunkte kommen, spürt den Flow des großen Ganzen. Bei den Hamburger Indie-Rockern Kettcar, die in der mittels Vorhang verkleinerten Muffathalle ihr erstes Werk seit fünf Jahren vorstellen, ist man positiv überrascht. Denn die programmierten Höhepunkte sind auf der Bühne noch dringlicher, treibender und besser als auf Platte. Paranuss-Krokant statt Vollmilch.

"Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)" heißt das empathische Kernstück von "Ich vs. Wir", eine Kurzgeschichte über einen Fluchthelfer vor der Wende, die im Kontext des albumprägenden Masse-versus-Individuum-Überbaus spielend in die angsterfüllten Merkel-Jahre übertragen werden kann und soll. Wie Marcus Wiebusch den Text erzählt, nicht singend, nicht rappend, eher bühnenpoetisch rezitierend, rhythmisch zum antreibenden Beat, die Augen geschlossen, konzentriert und wuchtig, ist ein fettes Ausrufezeichen. Seht her, uns gibt es noch. Und wir haben was zu sagen. "Von den verbitterten Idioten nicht verbittern lassen", wie es im zweiten Schlüsselstück, "Den Revolver entsichern", heißt. Jene Hommage "an die ganzen guten Geister, die Romantiker der Welt, an die mitfühlenden Seelen, und was uns noch zusammen hält" beschließt eine CD, die wie kaum ein anderer Pop-Hit Haltung hat. Ohne Zeigefinger und Kitsch, mit Emotion und der Wucht des Rock. Wiebuschs Band, die es nun auch schon seit 16 Jahren und fünf Platten gibt, hat betörende Zeilen und großes Gespür für Variation. Melancholie und Überschwang, Zart-bitter und weiße Knusper-Schokolade.

Um nicht komplett als soziokulturelle Schlaubischlümpfe abgestempelt zu werden, garniert das reanimierte Quintett das Album-Live-Programm mit ein paar alten Songs als Intro sowie im großzügigen Zugabenblock. Die Musiker wollen damit klarstellen, dass Polit-Punk und Liebeslieber ("Rettung", "48 Stunden") gut miteinander auskommen. Ob nun das reguläre Tour-Konzert mit dramaturgischer Mischung des Kettcar-Werks diesen Abend toppen kann, wird sich am 19. Januar in der Tonhalle zeigen.