Kurzkritik Euphorie des Neuen

Ercan Karacayli eröffnet das Zentraltheater in der Zerboni-Schule

Von Egbert Tholl

Es braucht schon einen durchgeknallten Euphoriker wie Simon Riggers, um in München ein neues freies Theater zu eröffnen, ohne Förderung - die gibt es frühestens in zwei Jahren. Riggers ist seit 2012 Geschäftsführer der Schauspielschule Zerboni, zusammen mit denen, die die Schule leiten - Birte Hanusrichter und Sebastian Gerold -, leitet er nun auch ein Theater. Das Zentraltheater. Es befindet sich in den Räumen der Schule, ist aber als Verein organisiert, mithin von der Schule unabhängig, was die Eröffnungspremiere auch beweist: Zwar spielen da auch Schauspieler mit, die an der Schule unterrichten, was wunderbar ist, könnte man doch mit der Zerboni-Dozentenschar mehrere deutsche Blockbuster bestücken. Aber die Produktion hat überhaupt nichts von Schule, sondern verlängert eher die Achse Metropol-Residenztheater ins Bahnhofsviertel; dort, in der Paul-Heyse-Straße 28 ist das Zentraltheater beheimatet.

Das mit obiger Achse ist natürlich eine üble Behelfsformulierung. Ercan Karacayli inszeniert Nis-Momme Stockmanns Stück "Der Mann, der die Welt aß" mit einem feinen Gespür für schauspielerische Nuancen und zarte Seltsamkeiten. Er braucht dafür sieben Stühle, ein paar Lampen, die ihm der unverzichtbare Stefan Wintersberger aufgehängt hat, fünf Darsteller und eine Viertelstunde zu viel Zeit, aber das Ding wird schon noch zusammenschnurren. Es geht um Menschen, die sich selbst und einander verlieren, der liebende Vater den Sohn, der liebende Sohn seine Frau, die Frau ihre Liebe. Gewürzt mit einer Prise Selbstoptimierungskritik scheitern die drei im Kern des Stücks am Nichtfunktionieren; der Vater, Rudi Knauss, kommt der Welt mit einem Lächeln abhanden, das Mädchen, die ewige Volkstheater-Freude Kathrin von Steinburg, rauft sich mit Verve durch die Eskalation der Gefühle. Und der Sohn, Sebastian Gerold, schaut aus wie Sean Penn und ist einfach anrührend.