Kurzkritik Akrobatisch

Bobby McFerrin in der Philharmonie

Von Jürgen Moises

Vor ein paar Tagen fand das Chorfestival "Various Voices" im Gasteig statt. Einen Monat zuvor haben dort Barbershop-Chöre gesungen. Nimmt man noch den auffälligen Trend zum Laienchor-Singen hinzu, dann könnte man fast von einer Renaissance der menschlichen Stimme sprechen. Und in dieser vielleicht eine Art Gegenpol zur Digitalisierung sehen. Falls es so etwas gibt, dann passt auf jeden Fall auch das Konzert von Bobby McFerrin in der Philharmonie gut in die Reihe. Der war dort in der vertrauten Rolle als Vokalakrobat und Entertainer zu erleben, aber noch mehr in der des Sing-Animateurs und Chorleiters.

Unterstützt wurde McFerrin von den Vokalisten Joye Blake und David Worm, mit denen der 68-Jährige schon vor 30 Jahren in einem A-cappella-Ensemble gesungen hatte. Die Rolle des Chors übernahmen zwölf junge Sängerinnen und Sänger aus München, die McFerrin, wie er erzählte, an diesem Tag das erste Mal getroffen hat. Mit ihnen probte der afroamerikanische Gesangskünstler das "Circle Singing". Das ist A-cappella-Gesang als Endlosschleife, was in dem Fall heißt: McFerrin gibt den Sängern spontane Harmonien und Rhythmen als Loops vor, über denen er dann improvisiert.

Dieses Prinzip wurde in der Philharmonie mehrfach variiert. Mal durfte das Publikum mitsingen, mal David Worm die Sänger animieren. Freiwillige durften auf der Bühne ihr Talent als Ausdruckstänzer zeigen und als Zugabe gab es noch eine Fragerunde. Bei alldem blitzte natürlich immer wieder McFerrins Ausnahmetalent auf, wenn er sich die irrwitzigsten Töne aus der Brust klopfte oder spielerisch zwischen Brust- und Falsettstimme hin und her sprang. Trotzdem: Um das zu demonstrieren war der mehrfache Grammy-Preisträger nicht wirklich hier, sondern eher um die Freude am Selbersingen zu vermitteln. In München traf er damit auf viele offene Ohren. Und auf offene Münder, die mit ihm zum Abschluss "Halleluja" sangen.