Kurt Kister: Deutscher Alltag Teilzeit-Kannibale

Früher waren die Leute mit 36 abgenutzt. Heute halten einen die Doktoren mit Zwei-Komponenten-Kleber zusammen. Das Zahnplomben-Desaster kommt immer kurz vor dem Urlaub.

Kolumne von Kurt Kister

Manche Dinge im Leben hören nie auf. Das Herausfallen von Zahnersatzteilen gehört dazu. Wenn man ein Alter erreicht hat, in dem man aus eigener Erfahrung weiß, was Bindegewebsschwäche ist, dann hat man auch Plomben, Inlays, Onlays, Komposits und was es dergleichen mehr gibt. Selbst der beste Zahnarzt der Welt kann nicht verhindern, dass man, meistens zwei Tage vor dem Urlaub, mit der Zunge eine raue Stelle spürt.

Marilyn Mansons Mundästhetik scheint unbemerkt und unbeabsichtigt um sich zu greifen.

(Foto: Foto: dpa)

Eigentlich ist das keine raue Stelle, sondern eine Unebenheit, ein Spalt fast. Ein Spalt? Da wird sich doch nicht die Teilkrone lösen? Man fährt mit der Zungenspitze andauernd an der fraglichen Stelle auf und ab.

Wackelt da was?

Man telefoniert, und weil die Zunge auch dabei an der Zahnrückwand herumnaggelt, hört man sich für den Gesprächspartner an wie ein Niederbayer, der versucht, deutlich zu reden. Der Finger, mit dem man herumstochert, spürt nichts Besonderes. Na ja, wird schon nichts sein.

Am Abend ist man sich sicher: Da ist was. Da wackelt was. Jetzt Vorsicht, denn übermorgen geht der Flieger nach Kreta. Wäre das nicht so, würde ja nichts passieren. Monatelang nichts. Man beißt in eine Breze. Sie ist von gestern abend. Zu spät.

Da ist ein feines Geräusch, bei dem man denkt an: Haarriss, Sprung im Damm, Tschernobyl, krrrk, krrrk. Jetzt nicht schlucken. Etwas Hartes im Breznbrei. Die Teilkrone. Ach, Kreta.

Wie ein Sprengtrichter aus dem Dolomitenkrieg

Das Ding, das man zwischen zwei Fingern hält, sieht aus wie ein abgeplatztes Stück Perlmutt aus der Schale einer seit langem toten Auster. Die Stelle, an der es bis zum Brezenbiss noch saß, fühlt sich mit der Zunge an wie ein Sprengtrichter aus dem Dolomitenkrieg.

Scharfe Ränder, Zacken, ein Loch. Man saugt Luft ein. Es schmerzt. Schreckliche Hinfälligkeit des Körpers: Bandscheibe, Wabbelbauch, braune Flecken auf dem Handrücken. Nun auch noch der Zahnkrater.

Früher sind die Leute mit 36 gestorben, weil sie abgenutzt waren. Alexander der Große wurde nicht ganz dreiunddreißig. Er eroberte Persien ohne eine einzige Plombe. Heute sorgen die Doctores Müller, Braun und Glogger für ein längeres Leben.

Sie halten einen mit Zwei-Komponenten-Kleber zusammen und feilen einem die Schneidezähne spitz zu, als sei man Kannibale. Dann wird über die spitzen Ruinen ein Veneer geklebt, eine Verblendung.

Es sieht so aus, als sei alles in Ordnung, und fast könnte man angesichts der schönen, glatten Zähne wieder denken, man sei noch einmal 43. Das geht ein paar Monate, ein paar Jahre. Dann aber kommt der Urlaub, und unweigerlich löst sich das Veneer. Aus dem Spiegel blickt einem ein Teilzeit-Kannibale entgegen. Gibt es in Agios Nikolaos einen deutschsprechenden Zahnarzt?