Nirgendwo kommen so viele neue Bücher auf den Markt wie in Deutschland. Irgendwer muss die schreiben - wahrscheinlich ist es der Kollege, der so glanzlos schaut.
Am Samstag soll der Mensch in die Buchhandlung gehen. Unter der Woche hat er dafür keine Zeit, er muss arbeiten. Arbeit ist anstrengend, auch weil der Mensch sich immer wieder einreden muss, dass die vielen toten Augen, die ihn im Büro anglotzen, nicht tot, sondern nur etwas glanzlos sind. Nein, es reicht nicht aus, im Büro nur in der Internet-Buchhandlung zu stöbern. Das ist zwar besser als das Gespräch mit dem Controller. Aber Bücher muss man anfassen, anschauen und sogar beriechen, bevor man sie kauft. Amazon kann man nicht riechen.
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In Redaktionskonferenzen erntet man oft glanzlose Blicke. Meistens trifft man diese Kollegen in der Buchhandlung wieder - sie lesen aus ihrem eigenen Buch. (© Foto: Volker Derlath)
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Allerdings ist auch die Buchhandlung nicht ungefährlich. Jahr um Jahr liegen da immer mehr Bücher, deren Autoren man kennt. Damit sind nicht solche Autoren gemeint, die man aus dem Fernsehen oder gar vom Lesen "kennt". Die kennt man ja nicht, von denen hat man nur gehört, oder man hat sie in einer Talkshow gesehen.
Wenn man aber selbst sein Geld in den Medien verdient, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man umgeben ist von Kollegen, die kaum eine Hauptexistenz haben, aber doch eine Nebenexistenz führen, und zwar als Schriftsteller. Der Journalist will nicht mehr leben, ohne dass er ein Buch schreibt. Ein Buch pro Jahr. Dafür nimmt der Journalist vier Wochen frei, und wenn es kein Schnellschuss werden soll, dann schreibt er acht Wochen lang. Thomas Mann arbeitete an "Joseph und seine Brüder" 17 Jahre.
Was dieser Schriftsteller, also der Journalist dann schreibt, ist wurscht. Wie er schreibt, sowieso. Der eine verfasst einen sonderbaren Krimi, der nächste ein Enthüllungsbuch über die Parteien und die dritte einen Gesundheitsratgeber. Am schlimmsten sind die Leute mit den Romanen, weil man sich bei den allermeisten schon schwer genug tut, eine 140-Zeilen-Reportage zu lesen. Nirgendwo sonst in der Welt kommen jedes Jahr so viele neue Bücher auf den Markt wie in Deutschland. Irgendwer muss die schreiben, und wahrscheinlich sind das all jene Leute, die einen dann in der Redaktionskonferenz so glanzlos anschauen.
Sie sind inwendig nicht tot, sondern nur müde. Sie haben gerade die neue Merkel-Biographie in Arbeit oder den ultimativen Junge-Eltern-Ratgeber oder stellen wenigstens gerade ein Asien-Handbuch zusammen. Zum Dienst darf man sie im nächsten Monat nicht einteilen, denn da sind sie auf Lesereise.
Was für eine Vorstellung: Man kommt samstags in die Buchhandlung, will blättern und riechen. Plötzlich sieht man da den Kerl von der Wochenendbeilage, dem man schon montags bis freitags nicht immer ausweichen kann. Er sitzt auf einem Stuhl, ist bei sich und liest aus seinem neuen Buch vor.
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(SZ vom 06.06.2009/bey)
Umweltstiftung WWF in der Kritik
"Schreiben tut weh. Es trübt die Augen, quetscht die Nieren, bringt allen Gliedern zugleich Qual" - solchen zeitlosen Stoßseufzer tat ein Mönchlein im fernen Mittelalter, und dabei war er nur ein Anonymus im Kopisten-Metier, sich selbst ausbeutend um Gottes Lohn. Um wie viel weniger fallen heute die Tantiemen für verdiente Zeilendompteure aus - um wie viel mehr Herzblut, Achselschweiß und Tränen der Enttäuschung, wenn die possierlichen Resultate von Investigation, zumindest aber von Internet-Schnüffeltouren ungebärdig darauf warten, ans Tageslicht der Niederkunft gezerrt zu werden? Die schiere Pein der formulierten Peinlichkeiten - dieser Egon und jener Erwin wußten ja, jede Story des literarischen Gebärens endet mit der Erschöpfung des/r AutorIn, im besten Falle. Traut man Thomas Manns "Joseph und seine Brüder", so hatte der jüngste Sprößling des Schafs- und Kinderzüchters Jakob eine durchaus ambivalente Namengebung zu überstehen. Das letzte Schaf heißt ... nein, nicht Harald, sondern ... ja, wie denn nun? Ben-Oni, das Unheilskind, sollte es nach dem Willen der sterbenden Vielfachmutter-Autorin Rahel sein (Genesis 35, 18) - der auf Prestige bedachte Verlegervater Jakob aber nannte es Benjamin, das Erfolgskind.
Wenn Sie also, lieber Verfasser, demnächst wieder in die halb glanzlosen, halb toten Augen Ihrer schreibsüchtigen Kollegen schauen, die sonderbare Krimis absondern, dann bedenken Sie bitte: Writing detective stories is a kind of intellectual game (S.S. Van Dine). Eine gnadenlose Partie auf Leben und Tod, mit begrenzter Bedenkzeit - und immer von der Furcht umhüllt: Man kann gar nicht so schlecht schreiben, wie einem davon werden könnte. Hie knarzendes Selbstmitleid - dort die larmoyante Einrede dessen, der die monströsen Spiegelfechtereien eines Buchschreibers vor der eigenen Seelenruine doch von nur draußen, aus der Sicht des Zwingherrn der Redaktion kennt. Das aber ließe sich leicht ändern - nur zu, lieber Herr Kister, spielen Sie selbst das Stück "The author as practical joker". Das ist die Chance zur finalen Recherche: The deader the corpse the better.