Der spätere SPD-Kanzler Helmut Schmidt hatte bereits 1966 eine auflagenbremsende "Lex Springer" als "politischen Selbstmord" bezeichnet. Die Politiker "dienern und wienern", um Springer "gnädig zu stimmen", merkte Augstein bitter und vergnügt zugleich an.
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Verschiedene Projekte wie die Gründung von Zeitungen mit Titeln wie "Deutsche Allgemeine Zeitung" oder "Heute", die Springer zumindest in Berlin Konkurrenz hätten machen können, wurden von Augstein und mitunter auch von Bucerius angeschoben und doch wieder fallen gelassen. Einmal hatte Augstein die Idee, mit Richard Gruner und John Jahr sowie Bucerius eine Verlagsehe zu schließen, um Springer Paroli zu bieten, auch daraus wurde nichts.
Die Betonköpfe der SED und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) schauten dem Treiben interessiert zu und versuchten, im Geheimen kräftig mitzumischen. Für sie verkörperte Springer den perfekten Klassenfeind; auch weil er angeblich die Arbeiterklasse manipulierte und weil viele Drucker aus dem Osten in den Westen gegangen waren, da Springer gut zahlte. Mit Hilfe von Broschüren, Agenten und Agitation betrieben SED und MfS zunächst ihre eigene Anti-Springer-Kampagne.
Beim Zentralkomitee der SED, Abteilung 62, wurde 1967 eine "Arbeitsgruppe zur Unterstützung der Anti-Springer-Kampagne in Westdeutschland und Westberlin" gebildet. Einer von drei Stasi-Forschern, deren Studie "Feind-Bild-Springer" in Kürze erscheinen soll, hat in einem Gespräch mit der zum Springer-Verlag gehörenden Welt am Sonntag neulich behauptet, das Zeitungsexperiment von Augstein sei ein Beleg dafür, dass es für eine Anti-Springer-Kampagne der Stasi "so etwas wie Ansprechpartner im Westen" gegeben habe.
Schlingernde Thesenfolge
Diesen Verdacht begründet er unter anderem mit dem Hinweis, die Nullnummern der Blätter seien auch von Stasi-Agenten mitproduziert worden. Gleichzeitig verweist er darauf, Augstein habe sich "nicht zuletzt" aus dem Projekt zurückgezogen, weil einige aus dem Redaktionsstab mit der DDR sympathisiert hätten. Diese schlingernde Thesenfolge ist angesichts der vorliegenden Augstein-Forschung noch verwegener, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. An die Stasi hat Augstein nun wirklich nicht gedacht. Für das Thema Springer und die Stasi aber heißt solche Geschichtsauslegung: Wenn alles Stasi ist, ist nichts mehr Stasi.
In diesen Tagen gerät vieles durcheinander, was sortiert werden müsste: Die Enteignet-Springer-Kampagne hat es gegeben. Die Parole tauchte erstmals in einem Blatt auf, das von der SED mitfinanziert wurde. Später wurde dann die Zeitschrift Metall der IG-Metall zum Großtrommler gegen Springers Macht. Daneben wurde in Berlin von Aktivisten wie Peter Schneider ein Springer-Tribunal vorbereitetet, und es existierte ein "Institut für Gegenöffentlichkeit", das mit den Studenten der sogenannten Kritischen Universität verbandelt war.
Dieses Institut sollte vor allem die Praktiken der Springer-Blätter untersuchen, wie sich der frühere Aktivist und spätere Hannoveraner Politikwissenschaftler Professor Bernhard Blanke erinnert. Augstein und Bucerius erst hätten den Betrieb dieses Instituts durch Zahlungen von jeweils 50000 Mark ermöglicht. Als Schneider sich dieser Tage nicht ganz korrekt an die Abläufe erinnerte, meinte er eigentlich nur das Institut. Augstein hatte ein Faible für Institute.
Aufklärung statt Inquisition
Wann hat wer was warum bekommen? Ausweislich von Notizen Augsteins hat er einmal Schneider 5000 Mark zukommen lassen. "Ich kann mich nicht erinnern", sagt Schneider. "Wenn es so war, habe ich das Geld sicherlich weitergeleitet." Für die Enteignet-Springer-Kampagne oder für das geplante Tribunal zahlten beide Verleger nach den vorliegenden Unterlagen keine Mark. Sie weigerten sich sogar, die Veranstaltung zu unterstützen. In einem dreiseitigen Brief hat Augstein den Bittsteller Schneider abfahren lassen.
Augsteins Haltung zu Springer war recht kompliziert. Er hielt den Zeitungs-Tycoon für den "tüchtigsten Geschäftsmann der Republik" und für einen "Märchenprinzen", der nie ein richtiger Journalist war. Der Spiegel wurde seit Mitte der sechziger Jahre auf Springers modernsten Tiefdruckmaschinen in Ahrensburg und Darmstadt gedruckt. "Damals erhoben die Linken ihr Haupt und schüttelten es", schrieb Augstein später.
Das geplante Tribunal fand Augstein "unnütz, ja schädlich". Er argumentierte in einem Brief an Schneider ähnlich wie der Philosoph Jürgen Habermas, der nicht kommen mochte, weil er ein "Forum der Aufklärung und systematischen Erweiterung des politischen Bewusstseins, nicht der Inquisition" wollte. Schneider bat damals das DDR-Innenministerium, dem Liedermacher Wolf Biermann die Ausreise fürs Tribunal zu erlauben. Das Ministerium mochte nicht. Dabei sollte Biermann die Rolle des Verteidigers von Springer übernehmen und der Anwalt Horst Mahler sollte der Ankläger sein. Es wurde damals auch viel politisches Theater gespielt.
Am 2. Februar 1968 fand ohne Biermann das Happening statt, das nur noch "Hearing" hieß. Die Stasi war natürlich auch mit dabei und berichtete den Daheimgebliebenen, die Veranstaltung habe zwar stattgefunden, "jedoch nichts erreicht".
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(SZ vom 10.06.2009/kar)
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Auch wenn ich (Jahrgang 1943) damals nicht in den Enteignet-Springer-Chor eingestimmt habe - Sympathie mit den Anti-Springer-Aktionen hatte ich sehr wohl. Die Konsequenz aus dem, was die BILD-Zeitung täglich an Halb- oder Unwahrheiten, Stimmungsmache und Seichtem millionenfach verbreitet, war für mich aber immer: Keinen Pfennig (jetzt Cent) für dieses Blatt ausgeben. Die Schlagzeilen, die mich an der Kasse im Supermarkt oder beim Bäcker anbrüllen, bestätigen mich jeden Tag in dieser Haltung. Und wenn ich im Ausland in Urlaub bin, kaufe ich mir lieber eine zwei Tage alte SZ als eine aktuelle BILD. Schlimm ist, dass seit etlichen Jahren auch die seriösen Tageszeitungen nachbeten, was das Leit(d)medium BILD vorgibt und dass viele Zeitungen (ebenso wie die öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten) ihr Heil in der inhaltlichen Annäherung an dieses Blatt suchen.
"Ich finde, es wäre an der Zeit, dass sich die uneinsichtigen Protagonisten der 68er-Bewegung mal bei unserem Haus entschuldigen" - Bitte??? Diese Bildzeitungsfritzen haben wirklich Nerven, dass es einem manchmal die Sprache verschlägt.
Wo ist die Entschuldigung an Brandt, den sie nach dem Kniefall von Warschau als Vaterlandsverräter beschimpften?
Wo die Entschuldigung an all die Opfer von Gewalt, deren Gesichter gegen ihren Willen in der Bild verbreitet wurden?
Wo die Entschuldigung an all die fälschlich Beschuldigten?
Nach 20 Minuten BildBlog lesen hat jeder halbwegs intelligente Mensch genug Gründe zusammen, dieses Schmierblatt wegen Volksverhetzung zu verbieten. Augstein hat sie trotz alledem in Schutz genommen, und muss sich dafür jetzt von diesen Schundjournalisten aufs Grab urinieren lassen. Ekelhaft!
weil sie Anfangs eine Bilderzeitung war. Unter riesigen Fotos stand ein begleitender Satz. Jedem sollte doch klar sein, ein erzkonservativer Verlag wie der des Axel "Cäsar" Spinner wird doch nie ein Sprachrohr der arbeitenden Klasse sein. Wohl auch deshalb erklärt die Hälfte der BILD-Käufer, sie lesen ja nur den Sportteil.
Wer weiß denn schon, hinter wie vielen kleinen Werbezeitungen Vorort der ASV steht? Wenn diese geballte Medienmacht nicht Meinungsbeeinflusser ist, wer dann? Berlusconi, Murdock und Konsorten sind doch keine Menschenfreunde, sondern kommerzorientierte Geschäftsleute. Und wie lautet die Devise eines guten Vertreters: "Jeden Morgen steht ein Dummer auf". Ergo, mache deinen Profit mit diesem Klientel dieser Welt.
Auch deshalb war der damalige Wunsch der Enteignung noch heute so aktuell.
Also Springer doch der Meinungsmacher der Republik.
Man hat es immer gewusst und geduldet.
Die Einstellung der Abgeordneten dieser Zeit lässt sich ganz einfach nachvollziehen, denkt
man an Fernshebilder aus dem Bundestag dieser Zeit.
BILD-Zeitung lesende Abgeordnete soweit das Auge reichte.
Die BILD-Zeitung hatte auch im Osten sicher Anhänger, die sie gern gelesen hätten.
Ich ear mit dem zufrieden, was ich davon hörte und las(z.B.Wallraff).
1990 habe ich sie sogar mal in die Hand genommen und versucht zu lesen.
Habe mich dann aber für mehr Qualität und Inhalt entschieden.
Auf jeden Fall liefert der Artikel interessante Einblicke in diese Zeit, glücklicherweise
ein wenig abseits dieser Stasi-Debatte um Kurras.