Kurras, Springer und die Stasi Betonköpfe und Märchenprinzen

Nichts als Krawall: Die Behauptung, Rudolf Augstein habe für die "Enteignet-Springer"-Kampagne bezahlt, ist falsch.

Von Hans Leyendecker

Als Studenten "Enteignet Springer"-Plaketten an den Rockaufschlägen wie Ausweise trugen, etwa von Herbst 1967 an, trat der Verleger Axel Cäsar Springer vor dem Hamburger Übersee-Club auf, um über das Böse zu reden: "Ich stelle fest: Die Parole von der Enteignung stammt von drüben", sagte er. "Ganz plötzlich ist diese große, große Hetzkampagne da!...Da muss ja wohl jemand dran gedreht haben."

Wer die Enteignung Springers verlange, kommentierte Rudolf Augstein damals im Spiegel, bewirke "außer dem Krawall nur das Gegenteil". - "In keiner pluralistischen Gesellschaft kann ein Konzern einem Eigner in Bausch und Bogen weggenommen werden." Die "griffige Parole Enteignet Springer" zeige, dass "auch Studenten nichts mehr scheuen, als sich in Vernunft zu üben".

Gut vier Jahrzehnte später, in den Tagen der allgemeinen Rechthaberei, die nach der Enttarnung der Stasi-Knallcharge Karl-Heinz Kurras ausgebrochen ist, wird unter Verweis auf einen FAZ-Beitrag des Schriftstellers Peter Schneider behauptet, Augstein und der damalige Stern-Chef Henri Nannen hätten Anti-Springer-Aktionen finanziell großzügig unterstützt. "Zahlten Stern und Spiegel die Enteignet-Springer-Kampagne?" fragte Bild unschuldig. "Ich finde, es wäre an der Zeit, dass sich die uneinsichtigen Protagonisten der 68er-Bewegung mal bei unserem Haus entschuldigen", verlangte der Springer-Chef Mathias Döpfner, Jahrgang 1963, am vergangenen Sonntag in einem Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).

Flach und glatt wie geschickt geworfene Kiesel hüpfen die Argumente über die eigentlichen Untiefen des Themas. "Durch eine Pro-Springer-Kampagne soll offenkundig die alte Anti-Springer-Debatte ausgelöscht werden", sagt Schneider, der die neue Debatte ausgelöst hat. Und irgendwie soll hinter allem angeblich wieder die Staatssicherheit der DDR gesteckt haben.

Das Problem beginnt damit, dass Schneider seinen Zeitungsbeitrag im Urlaub in Italien schrieb und Nannen mit dem Verleger Gerd Bucerius verwechselte. Wichtiger aber noch als dieses Detail ist bei Sichtung alter Folianten und Dokumente, dass damals über eine ganz andere Frage als heute diskutiert wurde. Die Frage lautete: Gefährdet die Vormachtstellung des Verlegers Axel Springer die durch Verfassung garantierte Meinungsfreiheit und die Demokratie? Diese Frage wurde gestellt von Professoren, von Schriftstellern, von Gewerkschaftlern, von Verlegern und auch von Journalisten.

"Gib's Ihnen, Rudi!"

Denn Springer hatte damals einen Trust gezimmert, der in der Welt fast ohne Beispiel war. Aus seinem Haus stammten 1967, so hatte es damals jedenfalls der Spiegel ausgerechnet, rund 88 Prozent der verkauften Sonntagszeitungen, 81 Prozent aller Straßenverkaufszeitungen, je 70 Prozent der in Berlin und Hamburg vertriebenen Zeitungen, 56 Prozent der Programmhefte. Und einige dieser Blätter schrieben über studentische Demonstranten ("Ausmerzen"), als führte ihnen der Schah von Persien die Feder.

Der Verleger Gerd Bucerius, dem damals die Zeit gehörte und der auch am Stern beteiligt war, sympathisierte mit den jungen Protestlern und feuerte etwa den Studentenführer Rudi Dutschke an: "Gib's ihnen, Rudi." Bucerius hatte bereits 1961 geschrieben, "dass die publizistische Macht des Hauses Springer an die äußerste Grenze dessen gekommen ist, was ein Staat hinnehmen kann". Ein paar Jahre später merkte Bucerius an, die Macht des Großverlegers gefährde die Verfassung. Augstein ermunterte mit Blick auf den "Großkönig" Springer zum Kampf gegen "Feudalherren und Partikular-Interessen".

1967 bildete der Bundestag eine Kommission, um die "Folgen der Konzentration für die Meinungsfreiheit in der Bundesrepublik" aufzuspüren. Der damalige Bundesgeschäftsführer der FDP rief im selben Jahr die Abgeordneten auf, ein Bundespresse-Rahmengesetz zu erlassen und die Macht des Verlegers Axel Cäsar Springer zu beschneiden. Aber die Abgeordneten drückten sich vor allem aus Angst vor Rüpeleien der Bild-Zeitung vor zu kritischen Fragen. Springer gab sich intern sicher, die Parlamentarier würden es nicht wagen, ihn an die Kandare zu nehmen. In einem Verlagsrundbrief beschrieb er diese Erwartung so: "Im gegenwärtigen Moment ist es sehr unwahrscheinlich, dass Anhänger der Anti-Springer-Kampagne einen Bundestagsabgeordneten finden, der bereit wäre, ein Gesetz zur Auflagenlimitierung oder gar zur Enteignung einzubringen."

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