Die Fifa hat im Rahmen der Weltmeisterschaft ein Kulturprogramm gestartet und unter anderem eine Serie von Postern zum Thema Fußbball in Auftrag gegeben, die von renommierten Künstlern gestaltet wurden. Nein, es geht nicht um das schon bekannte offizielle Weltmeisterschaftsposter, sondern um reine Kunstwerke, die, das sehen Sie in unserer Bildergalerie, aber sowas von gelungen sind.
Am 25. Juni 1988 feierte Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Österreich die Heilige Messe in Gurk. Als einer der Besucher diskret einen mitgebrachten Minifernseher anschaltete, um nebenher das EM-Finale Holland gegen Russland verfolgen zu können, ereiferten sich einige Besucher. Der Papst betet! Und dieser Vandale schaut Fußball! Johannes Paul II. hätte dem Mann sicher die Absolution erteilt. Im Grunde hat er an jenem Tag nämlich dasselbe gemacht wie sein gläubiger Fan. Der Religionswissenschaftler Harald Baloch erinnert sich, dass man nach dem Gottesdienst am Altar im persönlichen Liedheft des Papstes einen handgeschriebenen Zettel gefunden habe, "auf dem zu lesen war, dass Holland 2:0, ,due a zero', in Führung liege. Offensichtliche hatte einer der Assistenten des Papstes gewusst, dass sich dieser auch für das Finalspiel interessiere und ihn aktuell informiert. An dieses Detail erinnere ich mich stets als eines der vielen Zeichen von Katholizität, das Johannes Paul II. setzte."
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Tim Ayres (Great Britain), Girl with Football (2005) (Ausschnitt). (© © 2005 FIFA)
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Katholisch, das heißt weltumspannend. Oder, wie es Klaus Augenthaler einmal sagte: "Wir leben alle auf dieser Erde, aber eben auf verschiedenen Spielhälften." Außerhalb des Spielfelds lebt heute keiner mehr, der Fußball ist zur lingua franca im ansonsten unübersichtlichen Sprachgewirr geworden.
Seit 20 Monaten rollt ein illuminierter Fußballglobus durch Deutschland. Steht man vor dem Ball, erkennt man klar die schwarzen und weißen Fünfecke, aus denen Bälle früher zusammengenäht wurden. Die Ländergrenzen, die mit Lichtlinien eine Weltkarte nachzeichnen, sind dagegen kaum auszumachen: Als würden alle kulturellen Unterschiede hinter dem Phänomen Fußball verblassen.
Fast 500000 Menschen haben diesen Fußball auf seiner Reise durch die 12Spielorte der WM schon besucht, haben sich tagsüber in der multimedialen Ausstellung durch Touchscreens und Flimmerbilder gearbeitet oder abends zugehört, wenn auf der "Kunst- und Kulturbühne" Manager, Journalisten, Künstler und Schauspieler über den Fußball im Großen und Ganzen fachsimpelten. Wunderbar der Abend, an dem Michael Naumann, Zeit-Herausgeber und Ex-Torwart der Tresenmannschaft des "Alten Simpel", mit dem Globusbetreiber Jochen Hieber und dem Schriftsteller Moritz Rinke über das intellektuelle Gerede um den Fußball anekdotelte. Rinke: "Es gibt ja sehr viele Kulturleute, die den Sportteil lesen. Ich auch. Warum? Weil er die Sehnsucht nach Fakten, nach Erdung bedient. Sport ist eine wirkliche Erdung. Gerade zum Feuilleton, wo es immer um Geschmacksurteile geht und alles irgendwie konstruiert ist, ist der Sport ein wirklicher Kontrast."
Also Fakten, Erdung und Kontrast: In genau einem Jahr, am 9. Juni 2006, wird in der Münchner Allianz-Arena das Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft angepfiffen. Bis dahin soll ein Kulturprogramm über die Bühne gehen, wie man es noch zu keiner WM gesehen hat. Franz Beckenbauer hatte die Idee, André Heller, den "manischen Verwirklicher" (Heller über Heller) als Spiritus Rector für dieses Programm einzuspannen, für das die Bundesregierung 30 Millionen Euro zur Verfügung stellte. Und auch wenn Hellers Ideen anfangs so großspurig klangen wie Diego Maradona auf Koks, muss man zugeben, dass das, was in der ersten Halbzeit realisiert wurde, wohlgeraten ist. Sicher, es hat nicht geklappt, Jean-Luc Godard zu einem Fußballfilm zu bewegen, aber wer sonst hätte es geschafft, Harald Szeemann als Kurator für eine Ausstellung zu gewinnen, die ab Oktober im Berliner Gropiusbau die Beziehung zwischen Fußball und moderner Kunst beleuchten wird? Und wo gibt es eine Fußballzeitschrift, in der dann nach dem Tod von Szeemann im Februar ein großer Nachruf auf ihn erschienen wäre?
Soeben erschien die zweite Ausgabe von Anstoss, der intelligenten und wunderbar bebilderten "Zeitschrift des Kulturprogramms zur Fifa WM 2006". Die päpstliche Anekdote stammt aus dem Heft. Beat Wyss würdigt Szeemann; Holger Obermann erzählt, wie man in Afghanistan trainiert. Und das Gespräch zwischen Marco Bode und Roger Willemsen über Oliver Kahn im Paralleluniversum seines Größenwahns ist Pflichtlektüre.
Ansonsten zieht momentan die Ausstellung "Weltsprache Fußball" mit 50 Bildern der großen Magnum-Fotografen durch die Goethe-Institute der ganzen Welt. Und in ein paar Wochen kommt "Shoot Goals! Shoot Movies!" in die Kinos, eine Sammlung internationaler Fußball-Kurzfilme. André Heller bezeichnete den Film nach der Premiere in Berlin als "anregendes, interessantes Ergebnis", Innenminister Otto Schily als "Kostbarkeit", Franz Beckenbauer ergänzte, das seien "ja alles wunderbare Filme".
Günter Grass drückt und drückt
Gestern nun fanden sich Schily, Beckenbauer und Heller in der Münchner Allianz-Arena ein, um die offiziellen Kunstposter der WM, nein, das ist zu tiefgestapelt, um die Edition Official Art Poster 2006 Fifa World Cup Germany zu präsentieren. 13 Künstler aus aller Welt haben Plakate gestaltet, von denen einige so schön sind, dass man mit geradezu peinlichem Schmerz an das infantile Logo der Smileys denkt, das im vergangenen Jahr aus unerklärlichen Gründen zum Logo dieser WM erklärt wurde. Herr Heller, können Sie da nicht noch was drehen? Können Sie nicht dafür sorgen, dass man die niederschmetternd primitiven Smileys vom Platz stellt und stattdessen beispielsweise die beiden eleganten Samuraikämpfer zum Logo erklärt, die der Japaner Hisashi Tenmyouya mit Schwert und Fußballnummer auf dem Rücken um einen Ball kämpfen lässt? Oder das "Girl with Football", die Umrisse einer schönen Frau, die einen Fußball hält; erst wenn man genauer hinschaut, entdeckt man, dass der Londoner Künstler Tim Ayres in der Linienführung des Arms und der Hand, die den Ball hält, den WM-Pokal versteckt hat. Die Luo Brothers Weidong, Weigno und Weibing hatten eine ähnliche Idee, sie arrangierten schrillen Plastikschrott aus ihrem Heimatland China zur Fifa-Trophäe. Sicher, einige Motive sind eher missraten, sehen nach verkorkstem Mondrian oder Prilblumentapete aus, aber wer hätte sich träumen lassen, dass man Andreas Gurskys wunderbar sprödes Foto von der Verlegung eines Rasens eines Tages als Fanartikel erwerben könnte? Alle 13 Plakate werden in einer signierten, limitierten und in einer offenen Edition von Offsetdrucken aufgelegt und können ab sofort unter www.fifaworldcup.com/artposter im Internet bestellt werden.
Natürlich wird im Verlauf des Jahres auch viel Unfug und kultureller Lärm veranstaltet. Aber wo gehobelt wird, da fallen eben Späne. Und Bochum kann man ja im September einfach weiträumig umfahren, wenn dort im Rahmen der Ruhrtriennale ein "Fußballoratorium" aufgeführt wird, in dem so genannte "Fußballveteranen wie Otto Rehagel" Gedichte rezitieren sollen. Schwerer zu verkraften wird jene Fußballpoesie sein, mit der bald das ganze Land zugepflastert wird. Die deutschen Literaturhäuser haben acht Autorinnen und Autoren gewonnen, "Kernsätze des Fußballs lyrisch umzugestalten", wie die Ankündigung pomadig tönt. Elfriede Jelinek steuert da die Erkenntnis bei, die Wahrheit liege nicht immer auf dem Platz. Und Günter Grass hat zu dem Satz "Der Ball ist rund" den in seiner semantischen Strahlkraft doch relativ funzligen Vierzeiler ersonnen: "Meiner hat eine Delle. / Von Jugend an drücke / und drücke ich: aber / er will nur einerseits rund sein."
Wie sagte doch Erich Ribbeck: "Wenn ich mal das Ergebnis weglasse, war die Bilanz sehr positiv."
Ausführliche Informationen sind unter www.FIFAworldcup.com/ArtPoster (siehe: LINK) erhältlich.
Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...
Entspannter Vierbeiner