Kunstprojekt aus DNA Kaugummigesichter

Achtlos werfen Menschen Zigarettenstummel auf den Boden, ständig verlieren sie Haare. Überall hinterlassen wir genetische Spuren. Heather Dewey-Hagborg macht daraus große Kunst - mit beängstigendem Ergebnis.

Von Carolin Gasteiger

Täuschend echt blicken die Augen aus dem männlichen Gesicht, der Mund ist leicht verzogen, die Nase etwas schief. Als hätte man den restlichen Körper wegretuschiert, hängt die Maske eines Menschen an der Wand.

"Ich glaube nicht, dass ich gruselig bin, aber ich kann verstehen, dass andere dieses Projekt für gruselig halten", sagt Heather Dewey-Hagborg in einem Interview mit dem Wall Street Journal. Mit Stranger Visions reiht sich die US-Künstlerin in beängstigende technologische Entwicklungen ein. Ein junger Amerikaner produziert mit Hilfe eines 3D-Druckers selbst eine Waffe, Forscher in den USA klonen erfolgreich einen menschlichen Embryo - und Dewey-Hagborg generiert mittels DNA-Analyse aus einem weggeworfenen Kaugummi oder einer Zigarette den Menschen, der das vor kurzem noch im Mund hatte. Der Titel des Projekts, Visionen von Fremden, passt - und ist zugleich beängstigend.

Angefangen hatte alles mit einem einzelnen Haar, das Heather Dewey-Hagborg in einem gesprungenen Bilderrahmen entdeckte. Und von dem sie ihren Blick einfach nicht lösen konnte. Wem könnte es gehören und was könnte sie durch dieses Haar über diesen Jemand erfahren, hat sich Dewey-Hagborg gefragt. "Überall, wo ich hinsah, entdeckte ich Spuren menschlicher DNA", schreibt sie auf ihrer Homepage. Der Gedanke, wo und wodurch wir überall unsere Spuren hinterlassen, ließ die US-Künstlerin nicht mehr los. Aus diesen Überlegungen entstand schließlich Stranger Visions, ein Projekt, mit dem die Künstlerin auf die Gefahren "genetischer Überwachung" aufmerksam machen und zeigen will, wie leicht es sein kann, von einem weggeworfenen Kaugummi auf den Menschen dahinter zu schließen.

Auch Haare oder Zigarettenkippen sammelt sie auf. Den Kaugummi, aus dem die abgebildete Maske entstand, fand die Künstlerin vor einem Lebensmittelgeschäft in Brooklyn auf der Straße. Er ist grün, vielleicht mit Apfelgeschmack? Unter der Anschrift des Fundortes führt Dewey-Hagborg ethnische Herkunft, Geschlecht, Augenfarbe auf. Angaben, die sie aus dem weggeworfenen Kaugummi gezogen hat.

In einem Labor der New Yorker Universität in Brooklyn extrahiert Dewey-Hagborg aus ihren Fundstücken relevante DNA-Sequenzen mit dem Polymerase-Kettenreaktion-Verfahren. Damit lassen sich bestimmte Bereiche der menschlichen DNA aufspüren, die bei jedem Menschen unterschiedlich sind - Gene, die mit Geschlecht, Haar- und Augenfarbe zusammenhängen. "Die Ergebnisse schicke ich ins Labor zum Ordnen und die Kollegen dort schicken mir Textdateien mit Genomabschnitten zurück", so Dewey-Hagborg. In diesen Dateien sind dann entscheidende äußere Merkmale einer Person angegeben. Mit einem von ihr selbst geschriebenen Computerprogramm entwickelt die Künstlerin daraus ein 3D-Modell. Schließlich gießt ein dreidimensionaler Drucker die menschliche Maske aus einem Sand-Leim-Gemisch.

Heraus kommen lebensechte Gesichter die Angst machen können. Zumal wenn man sich ins Gedächtnis ruft, woraus Dewey-Hagborg sie erschaffen hat. Eins zu eins stimmen die Masken jedoch nicht mit dem Original überein - das wäre ein Clou, über den sich Kriminalbeamte weltweit freuen dürften. Eher sehen die Nachbildungen der Künstlerin zufolge "wie ein möglicher Cousin" aus. Und auch das dürfte angesichts der gegenwärtigen Möglichkeiten der Gentechnik übertrieben sein. Zwischen Dewey-Hagborg und ihrem Selbstporträt besteht - großzügig interpretiert - nur entfernt Ähnlichkeit. Aus diesem Grund rechne sie auch gar nicht damit, dass sich jemand bei ihr melde, der sich in einer Maske erkennt, so Dewey-Hagborg.

Darauf kommt es ihr auch gar nicht an. Sie wolle "die grundlegenden Annahmen über die menschliche Natur, Technik und Umwelt, die unserer Wahrnehmung unterliegen, in Frage stellen", schreibt Dewey-Hagborg in ihrem Blog. Eine Zeit der "genetischen Überwachung" bahne sich an, sagt die Informations-Künstlerin, die sich in anderen Projekten bereits mit Gesichts- und Spracherkennung befasst hat. Ähnliche Formen der Überwachung.

Kritik habe sie bislang nicht erfahren. Ob ihr Verfahren rechtlich einwandfrei ist, weiß sie nicht genau. Sie gehe davon aus. Über die politischen Folgen ihres Projekts und ob vielleicht jeder aus Abfall DNA gewinnen könnte, spricht Dewey-Hagborg im Juni mit dem Wilson Center for Public Policy in Washington.

"Ich habe keine Angst vor der Zukunft, aber ich denke, wir müssen über diese Entwicklungen nachdenken und uns öffentlich damit auseinandersetzen", sagt die Künstlerin SZ.de. In ihrem nächsten Projekt Spoofing (dt. Manipulation) geht es um die Frage, wie austauschbar DNA-Proben sein können.