Von Jörg Häntzschel

Es gibt keine Krise - das ist die eigentliche Sensation: Spitzenwerke erzielten auf den New Yorker Frühjahrsauktionen erneut Rekordpreise - und das trotz der globalen Finanzkrise.

Die Säle waren angenehm gefüllt, der Hammer knallte in gleichmäßigem Rhythmus, und anschließend strömten alle mit ruhigem Puls zu den Limousinen.

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Bis auf die schon üblichen Verkaufsrekorde einzelner Künstler waren Sensationen an den beiden ersten Abenden der diesjährigen New Yorker Frühjahrsauktionen ausgeblieben. Und Katastrophen ebenfalls.

Gerade darin besteht wohl die eigentliche Sensation. Während Amerikas Banken in Sümpfen aus roten Zahlen versinken und täglich ein paar hundert Häuser zwangsvollstreckt werden, weil die Bewohner ihre Kredite nicht mehr zahlen können, bot man bei Christie's und Sotheby's in unverändert zügigen 500.000-Dollar-Schritten für Giacomettis, Monets, Picassos und andere Werke des Impressionismus und der Moderne.

Neue Reiche treten kaum in Erscheinung

Nicht einmal die von Sotheby's-Chefauktionator Tobias Meyer und vielen anderen oft wiederholte These, Käufer aus Europa und neue Reiche aus den Schwellenländern würden den Markt aufrollen, bestätigte sich hier: Bei Sotheby's gingen am Mittwoch 67 Prozent der Werke an Amerikaner. 27 Prozent wurden von Europäern ersteigert, nur der winzige Rest von sechs Prozent gingen an an Sammler oder Händler aus Russland, China, Indien und dem Nahen Osten.

Anders allerdings das Bild bei Christie's am Abend davor, wo die Europäer, denen der niedrige Dollar entgegenkommt, klar dominierten.

Das Paradestück der Sotheby's-Auktion war Fernand Légers "Étude pour 'La Femme en bleu'", das - ohne die Kommission - 35 Millionen Dollar einbrachte und damit einen neuen Verkaufsrekord für den Künstler aufstellte.

Das Gemälde aus der Sammlung der Nachfahren des Krefelder Textilfabrikanten Hermann Lange ging an die Züricher Händlerin Doris Ammann. Sotheby's hatte sich von dem Werk aber Berichten zufolge sehr viel mehr erwartet. Dem Verkäufer sei ein Garantiepreis von 38 Millionen zugesichert worden, der sich in dem überhöhen Schätzwert von 35 bis 45 Millionen niederschlug.

Ein weiterer Léger, "La partie de campagne", auf den ebenfalls extrem hohen Preis von 12 bis 18 Millionen geschätzt, fand keinen einzigen Interessenten.

Leidenschaftlicher Bieter-Kampf für Matisse-Bild

Ein weiterer Rekord fiel mit Edvard Munchs "Mädchen auf einer Brücke", das mit 27,5 Millionen das zweitteuerste Werk des Abends wurde. Eigentlicher Star war jedoch Henri Matisse' "Le Géranium", ein schlichtes Stillleben, das nach einem leidenschaftlichen Bieterkampf mit 8,5 Millionen rund dreimal so viel kostete wie geschätzt.

Erstklassige Arbeiten bringen gute bis sehr gute Preise, Zweitrangiges, auch von großen Künstlern, wird dankend abgelehnt, so etwa könnte man das Muster beschreiben, das sich den Abend über abzeichnete. Elf Werke, darunter Gemälde von Picasso, Degas, Chagall und Pissarro blieben liegen.

Auch bei Christie's fanden 14 der 58 Werke keine Käufer, teils wegen ihrer Qualität, teils auch hier wegen überhöhter Schätzpreise. Die bedeutendsten unter ihnen waren Vincent Van Goghs "Route aux confins de Paris", das auf 13 bis 16 Millionen geschätzt worden war, Renoirs "La baigneuse brune" (fünf bis sieben Millionen), Monets "Le Rio de la Salute" (acht bis zwölf Millionen) und Picassos "Buste d'homme" (vier bis sechs Millionen).

Andere Werke glichen die vereinzelten Pleiten jedoch leicht aus, allen voran Monets "Le pont du chemin de fer à Argenteuil", das für 37 Millionen an einen Telefonbieter ging, auch dies ein neuer Rekord. Die Verkäufer, die Nahmad-Familie, hatte das Bild 1988 bei Christie's für 12,6 Millionen gekauft. Ein Matisse, "Portrait au manteau bleu", verkauft für 20 Millionen, gehörte auch hier zu den größten Tickets des Abends.

Eva, großes Modell

Ungewöhnlich zahlreich und ungewöhnlich erfolgreich waren die Skulpturen. Eine ganze Gruppe von Giacometti-Plastiken war unter den 58 Losen, am bedeutendsten von ihnen die elegante - und fast drei Meter große - "Stehende Frau II", um die sich sieben Bieter stritten. Sie trieben den Preis auf 24,5 Millionen, weit jenseits des Schätzwertes von 18 Millionen.

Nachdem damit der Auktionsrekord für eine Skulptur des Künstlers gefallen war, wurde am nächsten Abend bei Sotheby's auch der für ein Gemälde von Giacometti kassiert: "Portrait de Caroline" brachte 13 Millionen. Auch die großformatige Skulptur von Auguste Rodin "Eve, grand modèle" schoss mit 16,9 Millionen weit über den erwarteten Preis von neun bis zwölf Millionen hinaus. Ebenfalls erfolgreich war Henry Moores "Family Group" (3,6 Millionen).

Wenn die New Yorker Auktionen mit zeitgenössischer Kunst nächste Woche ebenso unaufgeregt-optimistisch ausfallen, kann sich der Kunstmarkt ein paar heitere Sommermonate gönnen. Bis im Herbst wieder das Zittern beginnt.

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(SZ vom 10.05.2008)