Kunstmarkt Schulabbruch, Drogengeschichten, Partys mit Leonardo Di Caprio

Dabei hat der Enddreißiger mit seinen halblangen, zurückgegelten Haaren bisher ein recht ausschweifendes Leben geführt: Schulabbruch, Drogengeschichten, Partys mit Leonardo Di Caprio und brasilianischen Models, Haftstrafe wegen Verstrickung in einen illegalen Glücksspielring mit Beteiligung der russischen Mafia.

Helly aus New York hatte vor Gericht erkennen lassen, wie nah auch das Kerngeschäft der Familie letztlich am Glücksspiel mit hohen Einsätzen siedelt: Er habe das von seinem Vater David so mitbekommen, der mal Weltmeister im Backgammon war. Um sich das Gefängnis zu ersparen, schlug er vor, er könne benachteiligten Kindern in der Bronx etwas über Kunst und Kunsthandel beibringen.

Skelette im Schrank

Der Richter ging darauf nicht ein. Nahmad musste erst ins Gefängnis, später in Hausarrest, durfte aber zwischendurch zur Art Basel in die Schweiz reisen, um auf der Messe einen Picasso und einen Rothko zu Rekordpreisen zu verkaufen.

Eine Person, die im New Yorker Kunstmarkt als Mittelsmann mitspielt und deshalb anonym bleiben will, drückt das so aus: "Helly London ist gebildet, der ging aufs Courtauld Institute, der ist sehr seriös. Helly New York ist leider ein verzogenes Kind." Diese Person sagt auch: "Ich glaube, die Nahmad-Familie hat Grund, sich einige Sorgen zu machen jetzt, denn das könnte andere Nachforschungen nach sich ziehen." Dann folgt die immer wieder sehr eindrückliche englische Formulierung von den Skeletten, die demnächst noch so alle aus dem Schrank fallen werden.

"Ich weiß doch, wer die problematischen Typen sind, und versuche, denen nicht zu nahe zu kommen", sagt ein Konkurrent von Nahmad

Der Kunstbetrieb, speziell der Sektor, in dem die großen Umsätze gemacht werden, sei aufgeschreckt durch die Enthüllungen der Panama Papers und erwarte weitere Skandale. Und dann raunt der Mann von der Steuervermeidung und Geldwäsche, die es im Kunsthandel gebe.

Er sagt aber auch, dass das ein reinigendes Gewitter sein könnte und der Kunstmarkt, der Undurchsichtigkeit pflegt, wie man sie sonst eigentlich eher aus sittenwidrigen Gewerben kennt, endlich zur Regulierung anstehe. "Dunkel" nannte die New York Times ein paar Tage nach den Enthüllungen durch die Panama Papers diesen Markt.

Offshore-Firmen seien schlicht in Mode, weil es alle machen

Am selben Tag fanden sich ein paar Dutzend verunsicherte Sammler und Kunstberater auf der Park Avenue in den Räumen der Kanzlei Herrick Feinstein LLP ein, wo ihnen Jason Kleinman einen Vortrag zur Steuergestaltung hielt. Kleinman ist ein Mann, der freimütig erklärt, dass er geradezu leidenschaftlich nach steuersenkenden Modellen suche, Offshore-Firmen seien da aber keine sinnvolle Antwort; gerade die USA machten es ihren Landsleuten so gut wie unmöglich, Vermögen im Ausland zu verschleiern, ohne sich massiv strafbar zu machen. Dass Briefkastenfirmen trotzdem auch hier so in Mode seien beim Geschäft mit der Kunst, erklärt er aus den Diskretionsbedürfnissen von Spielern auf dem Auktionsmarkt, die sich, wie beim Poker, nicht in die Karten schauen lassen wollten. Und außerdem: Offshore-Firmen seien schlicht in Mode, weil es alle machen.

Das mag im Fall des Modigliani zu kurz greifen. Ein Londoner Kunstmarkt-Insider, der, natürlich, auch nicht genannt sein möchte, hat im Falle des Bildes, das bis 1944 dem jüdischen Kunsthändler Oscar Stettiner aus Paris gehörte, eine ganz simple Vermutung für den Sinn und Zweck der Briefkastenfirma: Zwei Jahre nachdem das Bild 1996 in London bei Christie's ersteigert wurde, ist das Washingtoner Abkommen zur Rückgabe von Raubkunst unterzeichnet worden, wodurch der Modigliani in den Status der Unverkäuflichkeit gesackt sei. "Die einzige Erklärung, die ich habe, ist die, dass sie hoffen, dass die Restitutionsfrage irgendwann verjährt."

So hat Norman Rosenthal, bis vor Kurzem Chefkurator der Royal Academy of Arts und Sohn jüdischer Flüchtlinge, schon 2009 angeregt, die Restitution der von Nazis geraubten Kunstwerke zu beenden, weil eine materielle Wiedergutmachung der eigentlichen Verbrechen ohnehin nicht möglich sei.

"Man macht nicht den größten Hai im Haifischbecken an."

"Es kann also sein", sagt der Kunstmarktexperte aus London, "dass sie einfach darauf warten wollten, bis die Unterzeichner des Washingtoner Abkommens im Interesse der Rechtssicherheit einen Schlussstrich ziehen. Die Familie Nahmad denkt da wohl, wie die katholische Kirche, nicht in Fünfjahresrhythmen, sondern an kommende Generationen: Verdorbene Ware für den Patriarchen und die Kinder, aber die Kindeskinder könnten es in 30 Jahren wieder handeln. Bis dahin hätte es eben irgendwo gelegen."

Aus der Branche werde dennoch keiner die Geschäfte der Nahmads kritisieren, jedenfalls nicht öffentlich, meint der Insider aus New York: "Man macht nicht den größten Hai im Haifischbecken an." Bei der nächsten Auktion von Christie's oder Sotheby's wird er wieder sehr freundlich "How are you?" zu Helly Nahmad sagen.

Und dann sagt er noch: "Ich weiß doch, wer die problematischen Typen sind, und versuche, denen nicht zu nahe zu kommen. Ich mache mein kleines Geschäft, meine Kommission ist auf meiner Rechnung, das ist alles. Sicher denken einige Leute deswegen, ich sei ein Idiot. Aber wenigstens stehe ich dadurch nicht in diesen Panama Papers und bin jetzt nicht Gegenstand von Ermittlungen."