Kunstmarkt Betrüger als Wohltäter

Der Kölner Auktionator versteigert Werke aus der Sammlung Rheingold. Sie gehörten dem Berater Helge Achenbach.

Von Michael Kohler

Als sich Helge Achenbach für ein Millionengeschäft an einer Autobahnraststätte einfinden sollte, kam das selbst dem umtriebigen Düsseldorfer Kunstvermittler seltsam vor. Einige Wochen zuvor hatte ihm Hans Grothe angeboten, seine Sammlung zeitgenössischer Kunst für 70 Millionen Mark zu kaufen, und Grothe war wohl etwas überrascht, dass Achenbach die Summe mit Hilfe der Gebrüder Viehof tatsächlich zusammenbrachte. Jedenfalls trieb Grothe seinen Preis nachträglich so lange hoch, bis Achenbach die Lust verlor und seine Geschäftspartner stattdessen davon überzeugte, es auf eigene Faust zu versuchen. Im Jahr 2002 riefen sie gemeinsam mit der Unternehmensberaterin Hedda im Brahm-Droege die Sammlung Rheingold ins Leben, die Achenbach in seiner 2013 erschienenen Autobiografie als die Quadratur des Kreises im Kunstbetrieb beschreibt: eine gelungene Mischung aus Investment und Mäzenatentum.

Es gehört zur seltsamen Ironie der Causa Helge Achenbach, dass der Kunsthändler Achenbach zum Wohltäter wurde, als sich der Wohltäter Hans Grothe als Kunsthändler entpuppte. Über Jahrzehnte galt Grothe als Sammler, der aus privater Leidenschaft kauft und dabei zugleich das Wohl der Öffentlichkeit im Auge hat. Und weil jeder wusste, dass Grothe für das Bonner Kunstmuseum sammelte, gaben ihm Künstler und Galerien gerne einen Nachlass - den Grothe dann beim Auktionshaus Christie's als zusätzlichen Gewinn einstrich. Achenbach wollte damals, wie er schrieb, etwas Bleibendes schaffen, er wollte in die Bresche springen, weil er befürchtete, dass der Sammler alten Schlages ein Auslaufmodell ist. Ein Jahr nach Veröffentlichung seiner Autobiografie war dann allerdings das Geschäftsmodell Achenbach ausgelaufen.

Unter den 70 Losen sind Werke von Wolfgang Tillmans und Thomas Struth

Jetzt wird Achenbachs Anteil an der Sammlung Rheingold beim Kölner Auktionshaus Van Ham versteigert, 70 Werke, darunter Gemälde von Eberhard Havekost, Tal R und Daniel Richter sowie Fotografien von Wolfgang Tillmans, Candida Höfer und Thomas Struth. An selber Stelle wurde auch schon die Insolvenzmasse des wegen Betrugs verurteilten Kunsthändlers zu Geld gemacht, und so bleibt nichts übrig von dem, was Achenbach geschaffen hat, außer der Frage, ob seiner Rheingold-Idee die Zukunft gehört. Schließlich fällt es den Museen immer schwerer, private Sammler, ohne deren Leihgaben sie kaum noch Zugang zum Kunstmarkt haben, dauerhaft an sich zu binden. Und während die Ankaufsetats der Museumsdirektoren gegen Null gehen, zeigen private Sammler ihre Schätze immer häufiger in von der Steuer begünstigten eigenen Museen.

Die Rheingold-Idee war einfach: Es sollten Werkgruppen von Künstlern mit rheinischen Einschlag gekauft und die Sammlung für mindestens 20 Jahre gehalten werden. Bei der Auswahl ließ sich der Kunstfonds von Museumsdirektoren wie Kasper König (Museum Ludwig Köln) oder Susanne Titz (Museum Abteiberg Mönchengladbach) beraten, deren Häuser als Gegenleistung mit Leihgaben, vereinzelten Schenkungen und ganzen Rheingold-Ausstellungen bedacht wurden. In den 1980er Jahren hätten Museumsdirektoren ein solches Ansinnen wohl noch entrüstet abgelehnt, aber in der Rheingold-Ära suchten die Museen bereits selbst nach neuen Kooperationsmodellen. Kasper König nennt die Sammlung Rheingold dann auch eine "Win-Win-Situation", der das Museum Ludwig etwa ein bedeutendes Gemälde von Jörg Immendorff verdankt.

Interessierten sich die Sammler für die Kunst oder doch nur für die Rendite-Erwartungen

Allerdings seien bei den regelmäßigen Treffen laut König "auch schon mal die Fetzen geflogen, wenn Achenbach nicht halten wollte, was er versprochen hat." Selbst Achenbachs Kritiker attestieren ihm eine besondere Gabe: Als Berater konnte er Menschen, die viel Geld, aber keinen Bezug zur Kunst haben, für die Kunst oder wenigstens für die mit Kunst verbundenen Rendite-Erwartungen gewinnen. Auch die sechs Gesellschafter der Sammlung Rheingold verfolgten durchaus unterschiedliche Interessen: "Es wurde strategisch gesammelt und weniger nach Neigung", sagt Eugen Viehof, der heute gemeinsam mit seinen Brüdern zwei Drittel des Rheingolds besitzt.

Und auch die Aufteilung verlief genauso pragmatisch, wie der Aufbau der Kollektion und die Ankäufe: "Die Sammlung wurde schon frühzeitig in einzelne Pakete aufgeteilt und unter den Gesellschaftern verlost", so Viehof. "Das ist sauber gelaufen." Sein Geschäft mit Achenbach bereut er bis heute nicht. "Sonst wären die Arbeiten der Sammlung Rheingold nicht in die Sammlung Viehof integriert worden." Zuletzt hat die Sammlung Viehof 27 Werke an die "Deutschland 8"-Ausstellung in China verliehen, für das Frühjahr 2018 ist - nach der diesjährigen Präsentation in den Hamburger Deichtorhallen - eine erste Ausstellung im Rheinland geplant.

Ihren Ritterschlag erhielt die Sammlung im Jahr 2007, als Reiner Speck - der Kölner Arzt ist noch so ein Sammler alten Schlags - rund 300 Kunstwerke von Sigmar Polke, Joseph Beuys, Dan Flavin oder James Lee Byars an die Rheingoldianer verkaufte; weder die Stadt Köln noch das Land NRW hatten den geforderten zweistelligen Millionenbetrag aufgebracht. Auch diese Werke gehören heute größtenteils den Brüdern Viehof - es besteht also noch Hoffnung, dass sich Achenbachs Traum, seinen bescheidenen Beitrag zur Zukunft der rheinischen Museen zu leisten, erfüllt.